1. Brief – 5. Juni 1942

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Rußland, den 5.06.1942.

Mein liebes Frauchen!

Gestern Abend, Donnerstag, sind wir, nachdem wir über 6 volle Tage unterwegs waren, an unserem Reiseziel angekommen. Die Gegend ist hier öde und trostlos. Am schlimmsten war es, als wir durch Polen fuhren. Dort liefen die Kinder am Zug entlang und riefen: „Bitte Brot“. Man denkt mit Schrecken daran, was dieser Krieg für ein Elend über die Menschheit gebracht hat und noch bringen wird.

Ich bin nur froh, daß diese blöde Bahnfahrt beendet ist. Man war wie gerädert. Jetzt muß man nur mal sehen, wie die Karre läuft. Höchstwahrscheinlich werden wir hier 6 – 8 Wochen bleiben und dann wieder zur Front kommen.

Hier sind wir in einer primitiven russischen Schule untergebracht. Man schläft hier immerhin angenehmer als in dem Waggon.

Mein Gesuch habe ich in Delmenhorst mit dem Hinweis zurückerhalten, es sofort bei der Fronttruppe abzugeben. Ich warte nun mal erst ab, zu welcher Batterie ich kommen werde. Dann werde ich das Gesuch sofort abgeben.

Jetzt naht der Tag der Niederkunft immer mehr. Mich quält nur der Gedanke, daß Du jetzt alle Arbeiten, die damit zusammenhängen, allein machen mußt.

Ich werde morgen oder heute an Mausi wegen der Geburtsanzeigen schreiben. Sie soll die Karten an Dr. Schmidt schicken. An Dr. Schmidt werde ich auch einen ausführlichen Brief wegen verschiedener Sachen, die mit Deiner Niederkunft zusammenhängen, schreiben. Du kannst Dir den Brief dann mal von ihm zeigen lassen.

Meine Feldpostnummer weiß ich noch nicht. Ich werde meine genaue Anschrift Dir auf der Rückseite des Briefumschlags schreiben Bis jetzt ist sie mir noch nicht bekannt.

Heute ist der 5. Juni. 4 Jahre sind es nunmehr her, daß wir uns versprochen haben, ein Leben gemeinsam zu leben. Leider haben wir nur noch nicht viel von unserer jungen Ehe gehabt. Aber denke immer an das schöne Lied: „Einmal werde ich wieder bei dir sein“.

Und nun, mein liebes Frauchen, überstehe den letzten Monat noch gut und schenke einem gesunden Kind nächsten Monat das Leben.

In diesem Sinne seid beide recht herzlich gegrüßt und geküßt von

Eurem Vati,

der dauernd in Gedanken bei seinen Frauen in der Heimat ist.

 


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5 Gedanken zu “1. Brief – 5. Juni 1942

  1. Nach unseren Recherchen befand sich mein Großvater zu diesem Zeitpunkt in der weißrussischen Babrujsk, wo sich die deutschen Truppen für eine bevorstehende Offensive sammelten. Zur Geschichte der Stadt berichtet Wikipedia:

    „…Die Stadt entwickelte sich bis zum Holocaust zu einem Zentrum jüdischer Kultur. Um 1900 betrug der jüdische Bevölkerungsanteil 60 %. Vor 1941 hatte der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von Babrujsk, ähnlich wie in anderen weißrussischen Städten, zwischen 25 und 30 % betragen. Mit über 30 Synagogen war Bobrujsk ein wichtiges Zentrum jüdischer Kultur, so dass es im Volksmund leicht ironisch Hauptstadt Israels (Staliza Jisrael) genannt wurde. Babrujsk (damals Bobrujsk) wurde am 21. Juli 1941 besetzt. Zu Beginn der Besatzung zählte die Stadt 62.000 Einwohner (ein Teil der Babrujsker war geflohen oder wurde evakuiert). In der ersten Septemberhälfte 1941 war Babrujsk einer der ersten Orte, an dem auf Befehl Himmlers eine Massenerschießung stattfand: 20.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet. Verantwortlich für das Massaker war das Einsatzkommando 8 unter Otto Bradfisch…“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Babrujsk

    „…There was a steady increase in the Jewish population of Babruysk following the Napoleonic wars. By 1897, in the population of 34,336 citizens, 60%, or 20,760 were Jews. In 1941, Hitler’s forces invaded Babruysk. Believing that German troops would not target civilians, many Jews stayed behind. Consequently, 20,000 Babruysk Jews were shot and buried in mass graves. Ghetto and labor camps were established in the southwest part of town. The conditions inside the camps were horrible and involved lack of food, lack of sanitation and perpetual abuse by the Nazi guards. Soon the Nazis began executing the Jews in the ghetto in groups of about 30. By 1943 all labor camps have been liquidated and the remaining Jews killed. The few Jews who escaped joined partisan forces in the surrounding forest and went about attacking enemy railroad lines. There is a small memorial dedicated to the memory of Babruysk Jews killed in the Holocaust, located in the Nahalat Yitzhak cemetery, Giv’atayim, Israel, as part of the Babi Yar memorial…“
    https://en.wikipedia.org/wiki/Babruysk

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