Weihnachten und Neujahr im Kessel

Folgend eine Beschreibung der Ereignisse von Weihnachten 1942 bis 9. Januar 1943, die mein Großvater selbst im Kessel noch am eigenen Leib erlebt hat. 

Zusammenbruch der dt. Entsatzoffensive
Abb. zum Zusammenbruch der dt. Entsatzoffensive „Wintergewitter“, Weihnachten 1942 – aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 356

„In der zweiten Dezemberhälfte sind im Kessel immerhin noch etwa 230.000 Mann, davon 40.000 im Kampfeinsatz. Rund 200.000 dagegen sitzen untätig herum: Kraftfahrer, für deren Wagen es kein Benzin gibt, Kanoniere mit Geschützen ohne Munition, Trosse, deren Pferde längst verspeist sind, Nachrichtensoldaten und Nachschubdienste, deren Lager nicht mehr existieren. Am Montag, dem 21. Dezember, verfügt die 6. Armee nur noch über 5 Prozent des benötigten Treibstoffs. (…)

>Zu dieser Zeit steht die 6. Panzerdivision, der schlagkräftigste Verband der (Anm.: deutschen) Entsatzarmee, immer noch vor Wassiljewka (…). Von hieraus sind es rund 48 KM bis an den Südrand des Kessels von Stalingrad. In den vier entscheidenden Tagen – vom Sonnabend, dem 19. bis zum Mittwoch, dem 23. Dezember – hat Generaloberst Paulus die letzte Chance, den Ausbruch zu wagen (…).

Am 24. Dezember beendet die 2. (Anm.: sowjetische) Gardearmee ihre Vorbereitungen und eröffnet den Angriff auf die (Anm.: deutschen Entsatz-)Truppen von Generaloberst Hoth. (…) Durch die sowjetische Gardearmee bedroht, weicht die Armeegruppe Hoth am Heiligabend bis hinter den Aksai zurück. Der Entsatzversuch hat sie nach sowjetischen Angaben 16.000 Mann Verluste und 300 Panzer gekostet. Im Morgengrauen des 24. Dezember (haben) die sowjetischen Panzer (…) die für die Versorgung von Stalingrad wichtige Nachschubbasis Tazinskaja überrollt. (…)Auf den umliegenden Höhen (Anm.: Stalingrads) haben die Sowjets – für die Deutschen gut sichtbar – Weihnachtsbäume aufgestellt, und ein Tonwagen der Roten Armee spielt deutsche Weihnachtslieder, die ab und zu eine Stimme mit den Worten unterbricht: ‚Kommt rüber! Ihr wollt doch gesund nach Hause? Kommt deshalb rüber!‘ (…)

Am 26. Dezember wird die Brotration nochmals gekürzt, jetzt auf 50 g pro Tag und Kopf. Selbst die Infanteriemunition ist bereits so knapp, dass mit Ausnahme der Abwehr gegnerischer Angriffe Schießverbot besteht. (…) Am Sonntag, dem 27. Dezember, sendet der (Anm.: sowjetische) Oberbefehlshaber der Donfront, General K. K. Rokossowski, den Entwurf der ‚Operation Ring‘ nach Moskau, um von der STAWKA die Zustimmung für die endgültige Vernichtung der 6. Armee zu erhalten. (Anm.: STAWKA = Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers, Transkription: Stawka Werchownowo Glawnokomandujuschtschewo)

(…) Zu dieser Zeit (Anm.: 28. Dezember) werden – nach dem Zusammenbruch der (Anm.: deutschen) Front am Tschir – die Lufttransportverbände nach Schachty, Jamiensk, Schachtinski, Meschetinskaja und Salsk verlegt. Von hier aus sind es bis Stalingrad gut 350 bis 400 Kilometer und selbst zwei Flüge täglich schon eine Seltenheit. Durch die steigende Aktivität der Roten Luftwaffe müssen die Transportmaschinen oft einen großen Bogen über den unteren Wolga-Lauf machen, um den Kessel anzufliegen. Dadurch sinkt der Tagesdurchschnitt der Nachschublieferungen weit unter 100 t, und in den Lazaretten rund um den Landeplatz Pitomnik wächst die Zahl der Schwerverwundeten, die auf ihren Abtransport warten.

Wer das Glück hat und ausgeflogen wird, (…) wird auf sogenannten Führerbefehl nicht mehr in ein Heimatlazarett verlegt: kein Stalingradkämpfer darf nun über den Dnjepr hinaus nach Westen gebracht werden. Man will ein Durchsickern von Gerüchten und Nachrichten unterbinden. (…)

FullSizeReZur Lage der Luftversorgung Ende 1942/Anfang 1943
Zur Lage der Luftversorgung Ende 1942/Anfang 1943 – aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 373

In dieser Woche hat das Oberkommando des Heeres den bekannten Pathologen Dr. med. Hans Girgensohn mit dem geheimen Auftrag in den Kessel beordert, durch Leichensektionen festzustellen, warum so viele Soldaten auf unerklärliche Weise plötzlich sterben. Das Ergebnis seiner Untersuchung: Hungertod. (Anm: ausführlicher Augenzeugenbericht von Girgensohn in der ZEIT vom 2.2.1973)

(…) Am 29. Dezember 1942 setzt der Generalstab des Heeres, General Zeitzler, sich und seine engeren Mitarbeiter solidarisch auf die gleichen Rationen wie im Kessel. Nach einigen Tagen lässt ihre Arbeitskraft nach. Hitler lässt sich jedoch von dem Experiment nicht überzeugen. Er ist der festen Meinung, die Divisionen hätten alle noch Schwarzbestände, womit sie ihre Verpflegung aufbessern können. Am gleichen Tage tritt der auf Befehl von General Zeitzler aus dem Kessel ausgeflogene Kommandierende General des XIV. Panzerkorps Hube im Führerhauptquartier ein, um Hitler einen genauen Bericht über die Lage zu geben. ‚Mein Führer‘, soll General Hube dabei gesagt haben, ‚warum lassen Sie nicht den Fliegergeneral erschießen, der Ihnen die Versorgung Stalingrads versprochen hat?‘ (Anm.: gemeint war Göring). In dieser Woche können bereits ganze Regimenter wegen Unterernährung und abnehmender moralischer Widerstandskraft kaum mehr eingesetzt werden. (…)

Inzwischen erreicht General Woronow bei der STAWKA, dass General K. K. Rokossowski die alleinige Durchführung der Operation Ring anvertraut wird. (…)

Am 31. Dezember wird den eingeschlossenen Truppen ein Funkspruch Hitlers bekanntgegeben. ‚Die 6. Armee hat mein Wort, dass alles geschieht, um sie herauszuholen. Adolf Hitler.‘ Am Silvesterabend, Punkt 24 Uhr Moskauer Zeit, eröffnen die Sowjets ein Trommelfeuer aus tausend Rohren, das auf die 30 KM lange Stadtfront niedergeht. (…) Sowjetische Lautsprecher haben das Artilleriefeuer vorher an verschiedenen Stellen der Front angekündigt: Die (Anm.: deutschen) Soldaten sollen in Deckung gehen. In dieser Silvesternacht soll in Rokossowskis Hauptquartier in Sawarifino während eines Festmahls die Idee geboren worden sein, Generaloberst Paulus ein Kapitulationsangebot zu machen. (…)

Am 1. Januar 1943 gibt die 6. Armee einen Befehl über den Munitionsverbrauch heraus: Auf Regimentsebene dürfen 3 Schuss leichte Feldhaubitze, 2 Schuss Pak, 2 Schuss 8,8 Flak, auf Korpsebene 1 Schuss schwere Feldhaubitze täglich abgegeben werden.

Am Sonntag, dem 2. Januar, legen die Generäle Woronow und Rokossowski J.W. Stalin den Entwurf eines Ultimatums an die eingeschlossene Armee vor. Gleichzeitig rüsten sich in der ersten Januarwoche, in der Steppe zwischen Don und Wolga, die Truppen der Donfront unter General K. K. Rokossowski für ihren entscheidenden letzten Angriff (…).

Unterdessen laufen im (Anm.: sowjetischen) Oberkommando der Donfront die Vorbereitungen der Operation Ring (Anm.: zur Eroberung des Kessels), die sich jedoch verzögern, weil die 2. Gardearmee – ursprünglich für den Hauptstoß vorgesehen – zur Vernichtung der (Anm.: deutschen) Entsatzarmee von Generaloberst Hoth eingesetzt ist (…).

Jedoch als Woronow nach Moskau funkt und um eine Verschiebung der Offensive um 4 Tage, also bis zum 10. Januar bittet, wird er kurz danach ans Telefon gerufen: ‚Der heftig erregte Stalin begann, ohne zu grüßen, mich aller Todsünden zu beschuldigen. Ich erinnere mich noch an einen seiner vielen Sätze: ‚Sie werden so lange dort sitzen, bis die Deutschen Sie und Rokossowski gefangen nehmen werden! … Wir müssen schleunigst Schluss machen, und Sie ziehen es vorsätzlich hinaus!“ Letzten Endes kann Generaloberst Woronow den aufgebrachten Stalin, der aus Furcht vor einem neuen deutschen Entsatzversuch zur Eile drängt, dazu bewegen, ihm die Verschiebung des Termins zu bestätigen.

Am Montag morgen, dem 4. Januar, erhält Generaloberst Woronow die Nachricht der STAWKA, man sei mit der Übergabe eines Ultimatums an das Oberkommando der eingeschlossenen deutschen Truppen einverstanden (…).

Am 6. Januar landen auf dem Absprungflughäfen 6 Ju 52, die Privatmaschinen von Göring, Rippentrop, Ley und anderen Parteigrößen, die diese für die Versorgung von Stalingrad zur Verfügung gestellt haben. Bereits am Donnerstag vormittag des 7. Januar trifft bei Woronow die Bestätigung des Ultimatums an Generaloberst Paulus ein. Am gleichen Abend sowie in den frühen Morgenstunden des 8. Januar gibt der Sender Donfront mehrmals an den Stab der 6. Armee die Mitteilung durch, dass Parlamentäre entsandt würden. (…)

Am 8. Januar, um 9:00 Uhr früh, brechen die sowjetischen Parlamentäre Major A. M. Smyslow und der Dometscher Hauptmann N. D. Djatlenko in Marinowka auf der Südseite des Kessels vor dem Abschnitt der 3. Infanteriedivision (mot.) mit weißer Fahne und einem Trompeter ins Niemandsland auf. Major Smyslow trägt das Ultimatum in einem versiegelten Umschlag bei sich. Djatlenko: ‚…sobald wir den Bereich unserer eigene Linien verlassen hatten, pfiffen einzelne Geschosse an uns vorbei. (…) Schließlich eröffneten die Deutschen das Feuer aus Granatwerfern. Darauf erhielten wir (…) den Befehl, in die eigene Stellung zurückzukehren.‘ General Woronows Kommentar: ‚ Die feindliche Seite verhält sich eben feindlich!‘ Aus Moskau kommt der Befehl, die Verhandlungen abzubrechen. Jedoch gibt Woronow nicht nach und schlägt der deutschen Armeeführung vor, am 9. Januar um 15 Uhr an die Straße zur Station Kotluban einen Bevollmächtigten zu entsenden. Generaloberst Paulus lehnt jedoch mit der Zustimmung aller kommandierenden Generale Kapitulationsverhandlungen ab (Anm.: General v. Seydlitz wird seine Meinung dazu bald ändern). Gleichzeitig befiehlt er (Anm.: Paulus) der Armee, keinesfalls auf ähnliche Versuch einzugehen und ‚etwa ankommende Parlamentäre durch Feuer zur Umkehr zu zwingen.‘

Ultimatum zur Kapitulation an die 6. Armee
Abb.: Letzte Seite des sowjetischen Ultimatums zur Kapitulation an die 6. Armee vom 8./9.01.1943 – aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 373

In der Nacht zum 9. Januar werfen sowjetische Flugzeuge in Massen Flugblätter ab mit dem Text des Ultimatums. Die Nacht und der folgende Morgen sind unheimlich ruhig. Sowjetische Flugzeuge überfliegen mehrmals die deutschen Stellungen, ohne Bomben abzuwerfen. Die deutschen beobachten, wie die Sowjets Geschütze und Stalinorgeln in einem Kilometer Entfernung in Stellung fahren, die Rohre ausschwenken und Munition stapeln.

Am Sonntag, dem 9. Januar, erscheinen zur angekündigten Zeit die Parlamentäre an der Straße nach Kotluban vor der Nordfront im Abschnitt der deutschen 60. Infanteriedivision (mot.). (…)

Ebenfalls Sonnabend, den 9. Januar kehrt General Hube aus dem Führerhauptquartier in den Kessel zurück und berichtet hoffnungsvoll: Der Führer plane eine neue Entsatzoffensive von Westen her. Die Verlegung frischer Panzerverbände in den Raum ostwärts Charkow laufe bereits an. Auch die Luftversorgung solle erheblich verstärkt werden. (…)

Am Nachmittag des 9. Januar erlässt Paulus einen Aufruf. Der Feind versuche, durch Propaganda die Moral der Truppe zu untergraben. Den Bemühungen des Feindes sei kein Glaube zu schenken, denn die Entsatzarmee sei im Anrollen und ein Aushalten von sechs Wochen oder auch noch länger erforderlich.

Gegen 21 Uhr abends unterrichtet der Oberkommandierende der Donfront, General Rokossowski, den Stab der deutschen 6. Armee, dass am Morgen des 10. Januar um 6 Uhr früh mit 3/4stündiger Artillerievorbereitung der Generalangriff auf den Kessel beginne. Dies ist der Auftakt zur letzten Phase der Tragödie…“

(aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, Text: S. 356-385)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s