Angriff auf den Kessel

Operation Ring
Verlauf der Eroberung des Kessels vom 10. Januar bis 2. Februar 1943 (aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 390)

10. Januar 1943:
Beginn der Eroberung des Kessels von Stalingrad

Dies ist die Fortsetzung der Lagebeschreibung von Weihnachten 1942 bis 9. Januar 1943.

Heute morgen (vor 75 Jahren) befindet sich mein Großvater wahrscheinlich noch immer beim Tross – an dem zuletzt von ihm genannten Standort Karpowka, direkt an der Westfront des Kessels (s. Karte). Genau dort greifen morgens die sowjetischen Streitkräfte den Kessel an.

Diesen Angriff überlebt er! Deshalb ist zu vermuten, dass er sich – wie alle anderen Überlebenden – auf der Flucht durch die Steppe Richtung Stalingrad befindet, zumindest erst einmal über den Flusslauf der Rossoschka. Den Befehl, seine Stellung „bis zur letzten Patrone“ zu verteidigen, wird er nicht enthusiastisch befolgt haben. Wenn er denn noch welche gehabt haben sollte, was nicht sehr wahrscheinlich ist, dann wird er sie sich – wie wir ihn kennengelernt haben – wohl aufgespart haben. Aber auch dem zwei Tage später ausgerufenen Standrecht gegen Plünderer wird er nicht zum Opfer fallen…

Stalingrads Stadtgrenze ist von Karpowka aus ca. 40 KM Luftlinie entfernt, es herrschen Temperaturen von minus 30 Grad, vor ihm ist fast nur mit Tiefschnee bedeckte, leere Landschaft. Das anfangs sonnige Wetter schlägt um zum Schneesturm…

Diese Flucht wird er aufgrund des Treibstoffmangels wahrscheinlich zu Fuß angetreten haben, und sie wird ihn in weiterer Folge am Flughafen Pitomnik vorbeigeführt haben, wo in diesen Tagen noch die letzten Versorgungsflieger landen.


Nachfolgend die Ereignisse vom 10. bis 12. Januar 1942 im Einzelnen, wie sie Janusz Piekalkiewicz in seinem Standardwerk „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ beschreibt:

„…Der Kommandeur der 65. Armee, Generalleutnant Batow (Anm. berichtet über die Ereignisse am Sonntag, dem 10. Januar 1943): ‚Seit dem Morgen hatten wir gutes Wetter. Unerträglich blendete der in der Sonne glitzernde Schnee. (…) Um 8:05 Uhr stieg von der kleinen Höhe unserer Beobachtungsstelle eine Leuchtkugelserie hoch.’

An der gesamten 11 KM breiten Durchbruchsfront schlägt die Artillerie los: Ein 55 Minuten währendes Trommelfeuer von rund 7000 Geschützen und Granatwerfern, durch Angriffe sowjetischer Bomber unterstützt. Die befestigten Stellungen der 6. Armee im Karpowkatal verschwinden in einer Wand gewaltiger Explosionen. Mit wehenden Fahnen und Musik treten nach einer Stunde sowjetische Panzer und Infanterie zum Angriff an. (…)

Das Zurückweichen der Deutschen artet in Flucht aus, die sich nun auf andere Verbände überträgt; ganze Einheiten gehen unter. Bei -30 Grad Kälte und Schneesturm ziehen die Reste der 6. Armee durch die kahle weiße Steppe – ostwärts in Richtung Stalingrad. (…)

Die Auflösung der Truppe nach dem sowjetischen Angriff am Vortage schreitet am Montag, dem 11. Januar, weiter fort. Die Verwundeten, Versprengten, selbst die noch Kampffähigen strömen jetzt in Richtung Stadt, um in den Kellerruinen Schutz zu suchen. (…)

(Anm.: An diesem Tag) haben die Truppen im Kessel das letzte Mal eine Zuteilung an Munition und Treibstoff aus eigenen Beständen bekommen. Viele Soldaten tragen jetzt keine Waffen mehr, ziehen bei Dunkelheit durch die Ruinen und verbergen sich bei Tage in verschiedenen Schlupfwinkeln.

Nächtliche Überfälle auf Feldküchen und Verpflegungslager bleiben nicht aus. Zu dieser Zeit wird über Stalingrad das Standrecht verhängt: Plünderer sind binnen 24 Stunden zu erschießen. So fallen immer wieder deutsche Soldaten den Kugeln der eigenen Landsleute zum Opfer. Neben dem Hunger zehren Gelbsucht und vor allem eine grausame Steppenruhr an den Kräften der Eingeschlossenen. Tausende von Toten können im steinhart gefrorenen Boden nicht mehr begraben, sondern nur noch mit Schnee überdeckt werden.

Am 11. Januar 1943 erzielen die Sowjets an der Nordost-, West- und Südfront einen 8 KM breiten und 5 KM tiefen Einbruch. In den frühen Morgenstunden drücken die Verbände der sowjetischen 65. und 21. Armee gegen die deutschen Stellungen westlich des Rossoschka-Tales, und an der Südfront wirft die sowjetischen 64. Armee weitere Panzer und Infanterie durch die Einbruchstelle östlich von Zybenko.

Um 9:40 Uhr erreicht die Heeresgruppen Don ein Funkspruch der 6. Armee: ‚Feind an mehreren großen Frontabschnitten durchgebrochen … einzelne Widerstandsnester halten sich noch … Wir setzen die letzten Nachschub- und Bausoldaten ein … Versuche eine neue HKL zu bilden.’

Noch an diesem Tage sind viele Soldaten, die im östlichen Teil des Kessels liegen (Anm.: ca. 40 KM entfernt), überzeugt, dass das sowjetische Artilleriefeuer, das sie von Westen wahrnehmen, von einem neuen deutschen Entsatzangriff herrührt.

Am 12. Januar trifft bei der Herresgruppe Don ein neuer Funkspruch der 6. Armee ein: ‚Fortgesetztes Trommelfeuer seit 7 Uhr morgens. Können nicht erwidern … Seit 8 Uhr schwere Angriffe an der ganzen Front mit zahlreichen Panzern … Die Armee hat befohlen, dass jeder Soldat an dem Platz, wo er gerade steht, bis zur letzten Patrone zu kämpfen hat’…“

(aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, Text: S. 385-393, Abb.: S 390)

 

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