Der Kessel schrumpft

Karpowka2

Mein Großvater überlebt die seit dem Morgen des 10. Januars (vor 75 Jahren) fortgeführte Offensive der Roten Armee, nachdem tags zuvor das sowjetische Kapitulationsangebot ausgeschlagen worden war.

Da er also weder gefallen ist, noch verhungert, erfroren, an einer Krankheit bzw. Verletzung gestorben oder gefangen genommen worden ist, wissen wir, dass er sich nicht mehr in Karpowka befinden kann (Abb.: Karpowka am 12. Januar 1943 nach dem Fall).

Er muss sich höchstwahrscheinlich durch die Steppe in Richtung der (Luftlinie) 40 km entfernten Stadt Stalingrad aufgemacht haben, vorbei am Versorgungsflughafen Pitomnik, der bereits vorgestern, am 15. Januar (vor 75 Jahren), gefallen ist (s.u.).

Er müsste zwischen dem 10. Januar und heute (vor 75 Jahren) mindestens die Hälfte der Strecke nach Stalingrad bewältigt haben, um hinter der Frontlinie zu bleiben. Dies wird er wohl zu Fuß bewältigt haben, wobei die Versorgung mit Nahrung und Munition mittlerweile vollständig zusammengebrochen ist.

Er ist, wie all die anderen Soldaten im Kessel, den sowjetischen Fliegern schutzlos ausgeliefert, denn die Flugabwehr ist ebenfalls nicht mehr aktiv. (s.u.)

Auch an geregelte Behausung oder Übernachtungsmöglichkeit ist schon lange nicht mehr zu denken, jetzt erst recht nicht mehr. Es bleiben ihm nur die fernen, aber schützenden Ruinen von Stalingrad, das von der eigenen Artillerie zerbombt wurde.

Glücklich wäre er, wenn er es bis heute (vor 75 Jahren) bis zum neuen Versorgungsflughafen Gumrak geschafft hat, denn nur dann würde er in den Genuss der letzten eingeflogenen Lebensmittel gekommen sein (s.u.)…

Dies ist die Fortsetzung von Angriff auf den Kessel.


 

Hier die Beschreibung der Ereignisse in den Tagen 13.-17. Januar 1943 von Janusz Piekalkiewicz („Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, 1993):

„… Am Abend des 13. Januar fliegt der letzte Abgesandte des Kessels, 1. Ordonnanzoffizier der Armee, Hauptmann Behr, zum Oberkommando des Heeres. Sein Auftrag: Hitler die präzise Forderung zu stellen, ‚die Armee erwartet eine klare Antwort auf die Frage, was innerhalb der nächsten 48 Stunden für die Rettung der Armee getan wird‘. Gleichzeitig soll er die Kriegstagebücher der Armee in Sicherheit bringen. (…)

Mit den Gefechten um Nowo-Alexejewski beginnt die zweite Etappe der Operation Ring (Anm.: sowjetische Offensive zur Eroberung des Kessels): die Zerschlagung des Gegners im Raum Pitomnik (Anm.: einziger Versorgungsflughafen im Kessel) und Vorstoß zum inneren ehemaligen sowjetischen Verteidigungsgürtel von Stalingrad mit seinen vielen Stützpunkten und eingegrabenen Panzern.

Am 15. Januar beauftrag Hitler den Generalfeldmarschall der Luftwaffe Milch, ‚die Organisation der Luftversorgung für die eingeschlossene 6. Armee anzukurbeln‘. (…)  An diesem Tag stehen jedoch die sowjetischen Panzer einen halben Kilometer vom Rollfeld des Flugplatzes Pitomnik entfernt, und die Flugleitung verweigert allen Maschinen die Landeerlaubnis. (…) Am frühen Morgen rollen bereits sowjetische Panzer über dem Flugplatz.

Aufgrund eines vor der 6. Armee geheimgehaltenen Befehls der Luftwaffenführung fliegen die Aufklärer und Stukas am gleichen Tag aus dem Kessel. (…) Seitdem sind die eingekesselten Truppen den sowjetischen Luftangriffen völlig schutzlos ausgeliefert. (…)

Trotz des Verlustes von Pitomnik geht die Luftversorgung ab dem 16. Januar über den Flugplatz Gumrak weiter, den man in den letzten Tagen eingeebnet hat; die Landefläche ist hier jedoch besonders schmal und kurz. Der Nachschub an Verpflegung sinkt ab, weil fast ausschließlich Munition eingeflogen werden muss.

Am Vormittag des 16. Januar verlegt der Armeestab seinen bisherigen Gefechtsstand von Gumrak in eine Balka dicht am Flughafen Stalingradski. (…)

Durch das Vordringen der Sowjets gegen Rostow ab Mitte Januar 1943 werden die Absprungplätze (Anm.: Versorgungsflughäfen) nach Atemowsk, Gorlowka und Stalino zurückverlegt. Von dort aus sind es bis Stalingrad schon 500 Kilometer, und man kann diese Entfernung höchstens einmal am Tag fliegen.

Um die äußerst schwierigen, gefahrenvollen Landungen zu umgehen, werfen zahlreichen Maschinen Versorgungsbehälter ab. Die weißen Fallschirme jedoch, die sich nach dem Abwurf über die Behälter legen, erschweren die Suche in der schneebedeckten Steppe, oft ist es auch den Männern, die so abgekämpft sind, kaum noch möglich, die schweren Versorgungsbomben zu bergen. (…)

Am Sonntag, dem 17. Januar, landen in Gumrak 5 Maschinen mit Nachschub, der einfach an vorbeiziehende Truppen verteilt werden muss, da kein Bodenpersonal mehr da ist.

Am gleichen Tag stellt das sowjetische Oberkommando Generaloberst Paulus eine neue Kapitulationsaufforderung zu. Die beiden Generale v. Seydlitz (Anm.: s. Kommentar unten) und Schlömer sind dafür, das Angebot anzunehmen; General Paulus weigert sich jedoch, da er keine Vollmacht hat, eigenmächtig zu handeln.

Zu dieser Zeit haben die Sowjets bereits die Hälfte des Kessels überrollt, und ihre Truppen stehen an der Linie Bolschaja-Rossoschka-Gontschara-Woroponow. (Anm.: siehe Karte)

General Rokossowski beschließt jetzt, den Kampf mit allen Mitteln zu beenden und bereitet seine Armee auf den Frontalangriff vor…“

(aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 392-394)

 

3 Gedanken zu “Der Kessel schrumpft

  1. General v. Seydlitz war auch jener, der schon während des Schließens des Kessels (19.-23. November 1942) für einen sofortige Ausbruch plädierte – und dafür, den „Führerbefehl“ zur Kesselbildung und Halten der Stadt einfach zu ignorieren. Auch da stieß er auf dieselbe Antwort seines Oberbefehlshaber Paulus. Er wird aber bis zum Ende der Schlacht diesbezüglich noch eine Rolle spielen…

    Später im Jahr 1943 wird er in sowjetischer Kriegsgefangenenschaft den „BDO – Bund Deutscher Offiziere“ gründen, in dem auch Paulus Mitglied sein wird, und am 11./12. September 1943 folgenden Aufruf herausgeben:

    „Wir, die überlebenden Kämpfer der 6. deutschen Armee, der Stalingradarmee, Generale, Offiziere und Soldaten, wir wenden uns an Euch am Beginn des fünften Kriegsjahres, um unserer Heimat, unserem Volk den Rettungsweg zu zeigen. Ganz Deutschland weiß, was Stalingrad bedeutet. Wir sind durch eine Hölle gegangen. Wir wurden totgesagt und sind zu neuem Leben erstanden. Wir können nicht länger schweigen! Wir haben wie niemand sonst das Recht, zu sprechen, nicht nur im eigenen Namen, sondern im Namen unserer toten Kameraden, im Namen aller Opfer von Stalingrad. Jeder denkende deutsche Offizier versteht, daß Deutschland den Krieg verloren hat. Das fühlt das ganze Volk. Wir wenden uns daher an Volk und Wehrmacht. Wir sprechen vor allem zu den Heerführern, Generalen, den Offizieren der Wehrmacht. In Eurer Hand liegt eine große Entscheidung! Das nationalsozialistische Regime wird niemals bereit sein, den Weg, der allein zum Frieden führen kann, freizugeben. Diese Erkenntnis gebietet Euch, dem verderblichen Regime den Kampf anzusagen und für die Schaffung einer vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung einzutreten. Verweigert Euch nicht Eurer geschichtlichen Berufung! Fordert den sofortigen Rücktritt Hitlers und seiner Regierung! Kämpft Seite an Seite mit dem Volk, um Hitler und sein Regime zu entfernen und Deutschland vor Chaos und Zusammenbruch zu bewahren!“

    Weiter Infos hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_Seydlitz-Kurzbach

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  2. Danke für die tolle Reise! Ich lese gespannt seit Juli mit und habe euer Crowdfunding Projekt unterstützt. Ich hoffe, dass das Funding Ziel erreicht wird. Jedem, der hier aktiv mitgelesen hat, sollte dies auch etwas wert sein, auch wenn es nur 1 Euro ist. Mir war es das auf jeden Fall! Und ich freue mich auf die Post aus Russland :), danke auch für diese super Idee!

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