Der Kessel zerbricht

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Abb.: „Organisiertes Menschensterben“ in den 2 Wochen vom 18. Januar bis 2. Februar 1943 in Zahlen (aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, S. 449)

Mein Großvater erlebt zu dieser Zeit (vor 75 Jahren) weiterhin am eigenen Leib das Elend, das in Stalingrad ungebremst vonstatten geht. Unsere Kenntnis seiner Briefe hilft uns, das eigentlich Unvorstellbare doch zu begreifen, auch wenn er leider nicht mehr selbst berichten kann…

Zuletzt haben wir ihn mindestens 20 km Luftlinie entfernt von Karpowka lokalisiert. Vor 5 Tagen schlug Paulus ein weiteres Angebot der Sowjets zur Kapitulation aus, obwohl der zur Berichterstattung ausgeflogene General Hube die Lage als „organisiertes Menschensterben“ rapportiert.

In den letzten Tagen (vor 75 Jahren) brach dann aber trotzdem der Widerstand gegen die sowjetische Offensive vollständig zusammen: Der Flugplatz Gumrak, der für kaum eine Woche – nicht wirklich funktionsfähig – als Ersatz für Pitomnik dienen durfte, geht heute (vor 75 Jahren) verloren, und morgen startet die wirklich letzte Maschine vom Flugplatz Stalingradski aus, wenige Minuten vor dessen Fall. (s.u.)

Wenn also mein Großvater bis gestern (vor 75 Jahren) noch zufällig am Flugplatz Gumrak gewesen wäre, hätte er sich an den Versorgungsgütern bedienen können, die dort noch spärlich eingeflogen wurden, die aber aus Spritmangel nicht mehr weiterverteilt werden konnten. Er hätte dann aber auch mit ansehen müssen, wie bei der heutigen Flucht die unzähligen Verwundeten in den dortigen Lazaretten einfach zurückgelassen wurden. (s.u.)

Wahrscheinlicher ist wohl, dass er sich bereits in den Ruinen Stalingrads versteckt, wohin nun auch alle anderen flüchten. Wo dort genau werden wir noch sehen…

Dies ist eine Fortsetzung von Der Kessel schrumpft.

Folgend die Beschreibung der Ereignisse zwischen dem 18. Januar 1943 bis heute (vor 75 Jahren) von Janusz Piekalkiewicz in „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ (S. 408-412):

„Wie es am 18. Januar 1943 in den Armeeberichten heißt, mussten in Stalingrad die Nordost-, die West- und die Südwestfront zurückgenommen werden. ‚Man kann dort infolge der Kälte und der immer mehr absinkenden Versorgung von einem organisierten Menschensterben sprechen‘, erklärt in seiner Lageschilderung General Hube, der am 19. Januar aus dem Kessel ausgeflogen wird (…)

In der Nacht zum 20. Januar landen in Gumrak noch 11 He 111, eine FW 200 ‚Condor’ und eine Ju 52. Der mitgebrachte Nachschub bleibt jedoch am Flugplatz liegen, da es keine betankten Fahrzeuge für den Abtransport gibt. An diesem Mittwoch werden die letzten Pferde geschlachtet. (…)

Hitler sinniert – berichtet General Zeitzler –, ‚mit einer schlagkräftigen Abteilung werkneuer Panther-Panzer durch die feindlichen Linien vorstoßend, Stalingrad anzugreifen, um so die Festung zu versorgen.‘ Die Sache hat nur einen Haken: Dieser Panzertyp befindet sich noch nicht einmal in Produktion, sondern in Erprobungsstadium.

Der andere utopische Plan heißt ‚Löwe’: ‚Nach Ausgabe des Stichwortes ‚Löwe’ geschieht der Aufbruch und Ausbruch der Armee auf eigene Verantwortung. Zu diesem Zweck treten jeweils 200 Mann starke Kampfgruppen ohne Feuervorbereitung an und stürmen die feindlichen Stellungen’, heißt es in einer Weisung des Armeestabes. Mit anderen Worten: Die Befehlshaber besitzen die Vorstellung eines Durchbruchs ausgezehrter Männer, ohne jegliche Wintererfahrung und Sprachkenntnisse, durch feindliches Gebiet von etwa 450 km Luftlinie, inmitten einer Schneewüste, bei Temperaturen bis zu minus 45 Grad und eisigem Wind, ohne Unterbringungsmöglichkeiten und ohne notwendige Verpflegung. (…)

Am Freitag, dem 22. Januar, 8.00 Uhr, treten die (Anm.: sowjetischen) Verbände der Donfront (Gen. Rokossowski) zum letzten Angriff gegen die 6. Armee an. ‚Der Zusammenbruch steht kurz bevor’, funkt der Stab Paulus an Manstein. Die Kanoniere haben zu diesem Tag nur noch 30 Schuss pro Rohr. Die letzten Flugzeuge starten in den frühen Morgenstunden in Gumrak unter sowjetischem Artilleriebeschuss. Entsetzliche Szenen spielen sich dabei ab. Verzweifelte Landser hängen sich an die Tragflächen, stürzen ab, werden zerschmettert oder niedergetrampelt. Kurz nach Angriffsbeginn erobern die Sowjets den Flugplatz Gumrak, und der am Stadtrand liegende kleine Flugplatz Stalingradski ist nun die einzige Verbindung zur Außenwelt. (…)

Während die Sowjets in Gumrak eindringen, gibt das Armeeoberkommando den Befehl, Tausende von Verwundeten, die in den Behelfslazaretten um den Flugplatz und am Bahnhofsgelände notdürftig untergebracht sind, ihrem Schicksal zu überlassen. Alle Ärzte und das gesamte Pflegepersonal sollen sich den nach Stalingrad zurückflutenden Truppen anschließen. Durch diesen Befehl gehen fast alle Verwundeten, um die sich nun keiner mehr kümmern kann, zugrunde.

Nun wälzt sich von Gumrak her – wie eine unübersehbare Völkerwanderung – die geschlagene 6. Armee in die Stadt und verkriecht sich in den Ruinen. (…)

2500 km westlich davon, im Führerhauptquartier, schildert an diesem Abend Major i.G. Zitzewitz, der vor einigen Tagen aus Stalingrad zurückbeordert wurde, die katastrophale Lage im Kessel und erklärt: ‚Mein Führer, ich darf melden, dem Menschen von Stalingrad kann man das Kämpfen bis zur letzten Patrone nicht mehr befehlen, erstens, weil er physisch nicht mehr dazu in der Lage ist, zweitens, weil er diese Patrone nicht mehr hat.’ Hitler: ‚Der Mensch regeneriert sich sehr schnell.’

Am 22. Januar wird der Dolmetscher des LI. Armeekorps, Hauptmann Boris v. Neidhardt, ein ehemaliger Zarenoffizier, zum Stab der 6. Armee beordert. Hier erwarten ihn die Generale Paulus und Schmidt mit der Nachricht, dass in Anbetracht des kurz bevorstehenden Zusammenbruchs zu überlegen sei, welche Möglichkeit bestehe, mit General Woronow Kontakt aufzunehmen (Anm.: Woronow hat ja fünf Tage zuvor bereits zum zweiten Mal ein Angebot zur Kapitulation unterbreitet, das unbeantwortet geblieben ist. (Siehe Der Kessel schrumpft)

Die eindringliche Bitte seiner Generale Pfeffer und v. Seydlitz, nachdem er ja am Vortage das Elend seiner Truppen mit eigenen Augen gesehen habe, die sinnlosen Kämpfe einzustellen, hindern Generaloberst Paulus nicht daran, am 22. Januar einen weiteren Durchhaltebefehl an die 6. Armee zu erlassen. (…)

Am Sonnabend, 23. Januar, fliegt mit einer der letzten Maschinen der Armeepionierführer Oberst Selle als Kurier aus dem Kessel. General Schmidt (Anm.: Paulus’ Stabschef) verabschiedet ihn mit den Worten: ‚Sagen Sie es überall, (…) dass die 6. Armee von höchster Stelle verraten und im Stich gelassen worden ist.’

In der Dämmerung des 23. Januar starten Leutnant Krausse und seine Besatzung das allerletzte Flugzeug aus dem Kessel. (…) Schon einige Minuten später rollen sowjetische Panzer über den Flugplatz Stalingradski…“


 

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