Das Ausmaß wird sichtbar

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Meine Großmutter Anneliese mit meinem Vater Kai im Arm, daneben meine Tante Heidi.

Gestern und heute (vor 75 Jahren) in Stalingrad:

Die Lage in Stalingrad spitzt sich immer weiter zu. Mein Großvater konnte bis zuletzt nicht daran glauben, dass es soweit kommen wird – obwohl er sich eigentlich immer bemühte, sich einen realistischen Blick auf die Dinge zu bewahren. Seine Fehleinschätzung der Lage ist den Informationen geschuldet, die ihm zur Verfügung stehen. Diese Fehlinformationen werden durch Paulus‘ „Armeebefehl“ vom 22. Januar 1943 repräsentiert. (s.u.)

Dessen Inhalt spiegelt eigentlich genau das Gegenteil von dem wider, was Paulus selbst am gleichen Tag an die „Heeresgruppe Don“ 500 km weiter westlich berichtet, bzw. dann am gestrigen Nachmittag (vor 75 Jahren) verzweifelt an Hitler funkt. Letzterer zeigt sich weiter unberührt. (s.u.)

Von der Aussichtslosigkeit der Lage weiß mein Großvater mittlerweile wohl selbst sehr genau. Jeder im Kessel weiß das. Der aus dem Kessel ausgeflogene General Hube teilt General Zeitzler (Berlin) im Telefonat vom 19. Januar 1943 (lt. Protokoll) mit:

„Jeder denkende Mensch im Kessel sei sich darüber klar, daß mit Entsatz, auch im März, nicht mehr zu rechnen ist.“

Wer das allerdings nicht weiß, ist die deutsche Bevölkerung. Und dazu gehört auch meine Großmutter (s. Abb. mit meinem Vater im Arm), die vielleicht um diese Zeit (vor 75 Jahren) den letzten Brief ihres Mannes aus Russland erhalten wird. (Letzter Brief) Der Grund für ihr Unwissen ist, dass die Presse vom Reichspressedienst instruiert worden ist, den wahren Stand der Dinge nur geschönt darzustellen. (s.u.)

Doch ganz lässt sich die Bevölkerung nicht mehr täuschen, berichtet der Sicherheitsdienst der SS (Geheimer Bericht Nr. 352 vom 21. Januar 1943):

„Aus den sehr pessimistischen Erzählungen und Feldpostbriefen der Frontsoldaten (…) glauben viele Volksgenossen darauf schließen zu müssen, daß z.Z. ein Tiefstand in diesem Krieg erreicht sei. Ähnlich verhält es sich mit Stalingrad, welches von Vielen bereits als verloren angesehen wird. Die Bemerkung im Wehrmachtsbericht vom 20.1.1943 über die harten Entbehrungen der Verteidiger des Raumes von Stalingrad (…) hat die Besorgnisse erheblich verstärkt.“

Meine Großmutter wird die spärlichen und kryptisch-widersprüchlichen Informationen, die über Zeitungsberichte und Gerüchte an sie gelangten, so optimistisch wie möglich gefiltert haben. Jetzt bleibt nur noch Hoffnung!

Doch sicher spürte sie in sich drin eine tiefe, unheilvolle, schmerzhafte Beunruhigung. Die Kinder dürfen aber auf keinen Fall etwas davon mitbekommen! Sie schauen ihre Mutter an, und sie merken vielleicht tatsächlich nichts. Aber „etwas“ bekommen sie mit. Dieses „etwas“ wird für immer unsagbar bleiben…

Genau um diese Zeit kippt also die Berichterstattung in den deutschen Medien, und ein eigenartiges Wort taucht vermehrt in den Zeitungen auf: „totaler Krieg“! – „Was soll das heißen?“ wird sich meine Großmutter gedacht haben, die sich sehr wahrscheinlich noch nie zuvor damit beschäftigt hatte, denn sie war ja keine Militärtheoretikerin…

Dies ist die Fortsetzung von Der Kessel zerbricht


Tägliche Lagemeldung der 6. Armee an die Heeresgruppe Don, Freitag, 22. Januar 1943:

„In schweren, während des ganzen Tages an Nord-, West- und Südwestfront anhaltenden Kämpfen erzielte der Feind an Südwestfront tiefen Einbruch. (…) Munition zum größten Teil verschossen, teilweise Auflösungserscheinungen. (…) An Westfront nur noch dünne, stützpunktartige Besetzung, hier auch nur noch wenige schwere Waffen vorhanden. – 76., 297., 29. mot. und 3. mot. I.D. (Anm.: motorisierte Infanteriedivision) aufgerieben. (…) Widerstandskraft geht ihrem Ende entgegen.“

Tagesparole des Reichspressechefs, Freitag, 22. Januar 1943:

„In den bevorstehenden Sonntagsausgaben ist im Hinblick auf die ernsten Kämpfe im Osten und auf die erforderliche entschlossene Steigerung des Kräfteeinsatzes in der Heimat das Wort an die Leser zu richten und ihnen in aller Eindringlichkeit zu sagen, daß der Krieg den härtesten Einsatz aller bedarf, um den Sieg zu erkämpfen. Bedienen Sie sich regelmäßiger Propagandaparolen, wie etwa:

‚Sieg oder Bolschewismus!‘
‚Der totale Krieg ist das Aufgebot der ganzen Nation!‘
‚Nur härtester Wille meistert das Schicksal!‘
‚Totaler Krieg – Alle Kräfte für den Sieg!“

Funkmeldung von Paulus an Hitler, Freitag, 22. Januar 1943, 16.00 Uhr:

„An die Heeresgruppe Don … Zur Vorlage beim Führer und beim Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Don … Die Russen dringen beiderseits Woroponowo in 6 km Breite mit wehenden Fahnen nach Osten (nach Stalingrad) vor. Die Lücke kann nicht geschlossen werden … Alle Vorräte sind aufgebraucht. Über 12000 unversorgte Verwundete im Kessel. Was soll ich Truppen befehlen, die keine Munition mehr haben …? Sofortige Entscheidung erforderlich, da sich an einigen Stellen Auflösungserscheinungen bemerkbar machen. (…) gez. Paulus“

Antwort aus dem Führerhauptquartier:

„Kapitulation ausgeschlossen. Truppen kämpfen bis zur letzten Patrone … Die 6. Armee leistet so einen historischen Beitrag zur größten Kriegsanstrengung in der deutschen Geschichte. gez. Adolf Hitler“

Armeebefehl von Paulus an die 6. Armee, Freitag, 22. Januar 1943:

„Soldaten der 6. Armee! Der Russe hat die Anfänge des von uns erwarteten Entsatzes über den Don zurückgedrückt, ehe genügend Kräfte zur Stelle waren. Jetzt erst steht die Aufmarschfront fest, und dahinter marschieren weitere Kräfte auf. Ehe sie heran sind, werden aber noch einige Wochen vergehen. (…) Sollen wir jetzt den Widerstand aufgeben? Unter keinen Umständen! Wir müssen um jeden Fußbreit Boden kämpfen und dem Russen schaden zufügen, wo wir können. (…) Haltet aus! Wenn wir wie eine verschworene Schicksalsgemeinschaft zusammenhalten und jeder den fanatischen Willen hat, sich bis zum äußersten zu wehren, sich unter keinen Umständen gefangen zu geben, sondern standzuhalten und zu siegen, werden wir es schaffen! gez. Paulus“

Tagesparole des Reichspressechefs, Sonnabend, 23. Januar 1943:

„Das große und ergreifende Heldenopfer, das die bei Stalingrad eingeschlossenen deutschen Truppen der deutschen Nation darbringen, wird im Zusammenhang mit der unmittelbar bevorstehenden Arbeitspflicht für Frauen und anderen durchgreifenden Organisationsmaßnahmen für die totale Kriegsführung die moralische Antriebskraft zu einer wahrhaft heroischen Haltung des ganzen deutschen Volkes und zum Ausgangspunkt eines neuen Abschnitts des deutschen Siegeswillens und der Erhebung aller Kräfte werden. Der deutschen Presse fällt hierbei die besondere publizistische Aufgabe zu, durch ergreifende Schilderung der einzigartigen Opferbereitschaft der Helden von Stalingrad auch den letzten Volksgenossen aufzurütteln, damit er sich einreiht in die große Front des entschlossenen Widerstands und Siegeswillens.“

Ein Gedanke zu “Das Ausmaß wird sichtbar

  1. Paulus war so ein Feigling! Es macht mich immer wieder wütend zu lesen, was dieser Kadavergehorsam angerichtet hat. Die Herren Offiziere haben trotzdem meist überlebt und ließen sich rechtzeitig ausfliegen.

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