Zwei Kessel

19420126_Starless-in-Stalingrad-Dokumentarisches-Labor

Wir wissen, dass sich mein Großvater nicht unter den ca. 12.000 Verwundeten und Kranken befand, die vor einigen Tagen (vor 75 Jahren) bei der Aufgabe des Flugplatzes Gumrak ihrem Schicksal überlassen worden sind. Wie muss es einem, der hilflos an eine eiskalte Pritsche gefesselt ist, ergangen sein, als plötzlich keine Pfleger mehr kamen? Wie muss es den Pflegern ergangen sein, als sie das letzte Mal die Todgeweihten besuchten? Den übrigen ca. 40.000 Kranken und Verwundeten wird es allerdings ab übermorgen (vor 75 Jahren) nicht viel besser ergehen, denn ihnen wird ebenfalls die Versorgung vollständig gestrichen (s.u.).

Die körperliche Kondition meiner Großvaters ist zu dieser Zeit dagegen gut genug, um sich in den Ruinen Stalingrad versteckt halten zu können. Doch ein Besorgnis erregendes Ereignis hat vorgestern (vor 75 Jahren) stattgefunden: Die Rote Arme stößt bis zur Wolga vor, und der Kessel zerbricht in zwei Teile: einen im Stadtzentrum, und einen kleineren im Norden der Stadt (s. Abb.).

Mein Großvater befindet sich ab jetzt im Nordkessel, abgeschnitten vom Hauptteil der 6. Armee rund um dessen Oberbefehlshaber Paulus, der im Keller eines zerbombten Kaufhauses sitzt…

Dies ist eine Fortsetzung von Das Ausmaß wird sichtbar.


In „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ beschreibt Janusz Piekalkiewicz die Situation im Kessel zwischen dem 24. und dem 28. Januar 1943 wie folgt:

„Am Sonntag, dem 24. Januar, stoßen die Sowjets von Westen her zur Wolga durch und trennen das XI. Armeekorps (Gen.d.Inf. Strecker) im Norden von der Masse der Armee ab. Der neue Nordkessel um das Traktorenwerk Dscherschinski hat einen Durchmesser von 8 bis 10 km. Im Südteil Stalingrads verteidigen sich noch die Reste des IV. Armeekorps (GenLt. Pfeffer) und des XIV. Panzerkorps (ehem. Gen. Hube).

Bereits in den Morgenstunden des 24. Januar muss der Armeestab erneut seinen Gefechtsstand verlegen. (…) Unterwegs bietet sich ihnen ein apokalyptisches Bild: Wo man hinblickt, unzählige Tote und zerlumpte Soldaten, die um ein Stück Brot betteln. (…)

Um die Mittagszeit ruft Oberst i.G. Clausius, Chef des Stabes des LI. Armeekorps (Gen. v. Seydlitz) die Offiziere zusammen und teilt ihnen mit: ‚Meine Herren, Sie können tun und lassen was Sie wollen! Die Schlacht ist verloren, ich wünsche Ihnen alles Gute!‘ (…)

Am 26. Januar legen die Reste der 297. Infanteriedivision ihre Waffen nieder. Es sind kaum noch 300 Mann. Es ist die erste organisierte Einstellung des Kampfes, und ihr Kommandeur, General R. v. Drebber, der erste General aus dem Kessel, den die Sowjets gefangennehmen. (…)

Am Mittag wechselt General Paulus mit seinem Stab den Gefechtsstand vom Krankenhaus im Südteil der Stadt in das Warenhaus Univermag am Roten Platz zwischen Hauptbahnhof und Wolgaufer. An diesem Tag enthebt er General v. Seydlitz seines Kommandos, weil dieser nach mehrmaliger energischer Aufforderung an den Armeestab, zu kapitulieren, schließlich den ihm unterstellte Einheiten das Recht eingeräumt hat, nach eigenem Ermessen den Kampf einzustellen.

(…) Am Abend des 26. Januar stoßen die Vorhuten der (Anm.: sowjetischen) 21. Armee vom Süden und Westen in Richtung Stadt (…) und vereinigen sich zu Füßen des Mamai-Hügels bei der Siedlung Roter Oktober mit den Einheiten der 13. Gardedivision (…). Damit geht der seit 10. September fast ununterbrochen geführte Kampf um die Anhöhe Punkt 102 zu Ende. Niemand weiß, wie oft in diesen vier Monaten der Gipfel den Besitzer gewechselt hat; Zeugen gibt es dafür nicht mehr. Mit diesem Treffen nehmen nun die eingekesselten Truppen der 62. Armee (Gen. Tschuikow) das erste Mal seit 138 Tagen Verteidigung die Verbindung mit der von Westen her vorgehenden Roten Armee auf. (…)

Am Mittwoch, dem 27. Januar besetzen die Sowjets den gesamten Südteil der Stadt bis an die Zariza. Generalleutnant Schlömer, Kommandierender General des XIV. Panzerkorps, fordert an diesem Tag telefonisch bei Paulus die Genehmigung zur Feuereinstellung, was unter Hinweis auf Hitlers Befehl verweigert wird. Als der Stabschef des XIV. Panzerkorps, Oberst Müller, General Schmidt (Anm.: Paulus‘ Stabschef) bittet, sich bei Paulus für die dringend erforderliche Kapitulation zu verwenden, da seine Truppen keine Munition mehr haben, erhält er die Antwort, die Soldaten hätten ja schließlich noch Messer und Zähne zum Weiterkämpfen. (…)

Im Laufe des 27. Januar bricht dann die organisierte Verteidigung in Stalingrad vollends zusammen, und ganze Einheiten geraten in sowjetische Gefangenschaft.

Am Morgen des 28. Januar funkt die 6. Armee an die Heeresgruppe Don (Anm.: ca. 500 km weiter westlich von Stalingrad): ‚Verpflegung zwingt dazu, an Verwundete und Kranke keine Verpflegung mehr auszugeben, damit Kämpfer erhalten bleiben.‘ (Anm.: Es handelt sich mittlerweile schon um 40.000 Verwundete und Kranke.)

(…) Während die 6. Armee in Stalingrad ihren aussichtslosen Kampf weiterführt, fällt am Abend des 28. Januars Hitlers Entschluss über die Wiederaufstellung einer neuen 6. Armee…“

(aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 412–435, Abb. S. 454)

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