Der „Generalfeldmarschall“ verlässt das Schlachtfeld

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Die Istwestija-Zeitung vom 3.02.1943 zeigt Paulus (rechts) nach seiner Gefangennahme, wie er von Generaloberst Rokossowski (links) und Marschall Woronow (2.v.l.) verhört wird.

Die Geschehnisse des heutigen Tages (vor 75 Jahren) sind Legende: Der Oberkommandierende der 6. Armee, Paulus, und sein Stabschef General Schmidt beschließen in dem Moment, als sowjetische Soldaten auch an ihre Tür klopften – sie sind tatsächlich sehr höflich dabei vorgegangen – lieber doch nicht wie selbst befohlen ihre „letzte Patrone“ zu verschießen.

Nach kurzen Verhandlungen mit für sie verhältnismäßig erfreulichem Ergebnis lassen sie sich widerstandslos gefangen nehmen. Paulus möchte sein Hab und Gut behalten, vor allem die Lebensmittel, er fordert sogar seinen Burschen mit in die Gefangenschaft zu nehmen. Auch Paulus‘ und Schmidts Gegenüber, die sowjetischen Generale Rokossowski und Woronow, empfangen sie respektvoll, obwohl Paulus ihre Forderung nicht erfüllen will, die Einstellungen der Kampfhandlungen zu befehlen. Eine offizielle Kapitulation hat es offiziell also nie gegeben. Der sowjetische General Jeremenko sagte aber bereits am 19. Januar der Presse, es handele sich bei den Eingekesselten „um nichts anderes mehr als um bewaffnete Kriegsgefangene.“

Der Kessel in Stalingrad-Mitte ist heute (vor 75 Jahren) „gesprengt“ worden, aber im „Nordkessel“ wird trotzdem weitergeschossen. Leider sitzt genau dort mein Großvater. Für ihn soll der Krieg also noch 2 sinnlose Tage andauern, erst am 2. Februar 1943 ist dort die „letzte Patrone“ verschossen.

Wenn er dann in Gefangenschaft geraten sollte, hat er allerdings keine so zuvorkommende Behandlung zu erwarten wie Paulus, denn er hat das Pech kein Offizier zu sein. Paulus dagegen ist seit gestern (vor 75 Jahren) von Hitler offiziell zum Generalfeldmarschall erhoben worden – und damit hat er die Spitze seiner Laufbahn gerade noch rechtzeitig knapp vor Ende seiner Karriere erreicht.

Während auch ohne Generalfeldmarschall weitergekämpft wird, hält Göring bei seiner gestrigen (vor 75 Jahren) Feierrede (zum zehnjährigen Jubiläum der nationalsozialistischen „Machtergreifung“) bereits eine verfrühte ‚Totenandacht‘ für die Soldaten in Stalingrad – so wurde es im Kessel von einigen Zuhörern an den Kurzwellenempfängern empfunden, das ist überliefert. Göring erhebt Stalingrad zum Mythos im Geiste Spartas – und da hat schließlich auch keiner der 300 Krieger überlebt. Meiner Großmutter wird das sicher einen Schrecken eingejagt haben. Bis zuletzt hatten die Wehrmachtsberichte nicht erkennen lassen, wie es tatsächlich um Stalingrad steht…

Außerdem lässt die nationalsozialistische Propaganda den bis heute bestehenden Mythos auferstehen, dass die 6. Armee „mehrere russische Armeen“ gebunden hätte. Militärhistoriker sagen,  das beruhe auf einem einfachen Rechentrick: Die 6. Armee war tatsächlich doppelt so groß wie eine herkömmliche Armee, die gegen sie kämpfenden sowjetischen Armeen dagegen hatten eigentlich nur die Größe normaler Korps…

Wie dem auch sei, Janusz Piekalkiewicz berichtet in „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ über die Vorgänge des gestrigen Tages (vor 75 Jahren) in Stalingrad:

„Noch während der Oberbefehlshaber der Luftwaffe (Anm.: Göring) seine ‚berühmte‘ Rede hält, dröhnt in Stalingrad der Boden von Hunderten von Flugzeugmotoren, die sich der Stadt nähern. Die verzweifelten Soldaten suchen in Erwartung eines massierten Bombenangriffs nach irgendeinem sicheren Versteck, als am strahlendem Winterhimmel die sowjetischen Geschwader in Paradeformation über dem Roten Platz auftauchen. Sie umkreisen einige Male das Stadtzentrum in niedriger Höhe, und die letzten Maschinen bilden einen riesigen Stern. Gerade die Tatsache, dass von oben keine Bomben fallen oder MG-Garben niedergehen und die Sowjets es jetzt nicht mehr nötig haben, ihre Flugzeuge gegen sie einzusetzen, beeindruckt die Eingekesselten stärker als die eigene Machtlosigkeit dieser Luftarmada gegenüber.“

Einer von den da unten ist mein Großvater. Für mich ist es immer noch schwierig, seine Lage nachzuvollziehen, weil das gesamte Szenario so unvorstellbar grotesk ist. Eine sehr gute Vorstellung davon findet man aber in dem einzigartigen Roman „Durchbruch in Stalingrad“, den der Augenzeuge Heinrich Gerlach, ein Offizier der 6. Armee, während seiner Kriegsgefangenschaft geschrieben hatte (1943-50). Herausgekommen ist das Werk allerdings erst vor knapp 2 Jahren, denn das Originalmanuskript wurde erst in den letzten Jahren in russischen Archiven wiedergefunden (s. Abb.). Der sowjetische Geheimdienst hatte es ihm damals abgenommen, kurz bevor er zurück nach Deutschland kam.

Nicht nur die realistische Darstellung der Umstände der letzten Wochen des Kessels macht den Roman für uns interessant, sondern auch die Hauptfigur, der wir durch die Erzählung verfolgen: es ist der Oberleutnant … Breuer! Und er hat einige Ähnlichkeiten mit meinem Großvater.

Die folgenden Ausschnitte aus dem Roman finde ich hilfreich, um sich in die Situation meines Großvaters und die der anderen Eingekesselten hineinzuversetzen:


Durchbruch-in-Stalingrad
Originalskript von Heinrich Gerlach (aus: „Durchbruch in Stalingrad“, 2016, S. 696/697)
  • Das Kapitel „Grauen um Gumrak“ spielt vor der sowjetischen Offensive auf dem Kessel am 10. Januar 1943. Bis dahin war Gumrak sowohl Hauptquartier der Armee als auch einziges Feldlazarett im Kessel. (S. 394-396)

„…Gumrak! Welch grässliches Wort, wie fremd den weichen, schwingenden, schmeichelnden Namen der russischen Dörfer! Welch qualvoller Zusammenklang von dumpfer Hoffnungslosigkeit und grausamer Vernichtung! Gum-rak! Spürt ihr nicht den Hunger in euren Gedärmen beim Klang dieses Wortes? Nicht das Zerren und Klopfen der eiternden Wunden? Nicht das stöhnende Verklingen gepeinigten Lebens? Hört ihr nicht das Knirschen des Schnees, das Knacken des Frostes in den Hauswänden, das Krachen und Bersten der Bomben, das Splittern der Bretter und Balken, das Krächzen der schwarzen Vögel, die von hartgefrorenen Menschenbündeln auffliegen? Gum-rak! Gum-rak!

Etwa 15 km westlich der Wolgastadt hingekrümelt auf den weißen Teller der Steppe, duckte sich die Handvoll unfroher Holzhäuser und zerfallener Schuppen an den nach Norden strebenden Schienenstrang. Unterschlupf bietendes Bauwerk und vor kurzem noch benutztes Bahnmaterial, der Zusammenfluss wichtiger Straßen und die Nähe des Armeehauptquartiers waren Anlass genug für sorgsames Feuer russischer Fernartillerie und ständiger Besuche der roten Bomber. Ein Wasserturm wies ihnen die Richtung. Wer den Ort kannte, suchte ihn zu meiden. Gehetzt jagten die Fahrzeuge durch die Straßen.

An diesem düsteren Ort lag, vom Pesthauch des Todes umweht, das einzige Feldlazarett der Armee. Hier strömte, unwissend und ahnungslos, vertrauend auf Hilfe und Rettung, aus allen Ecken des Kessels die Unzahl der verstümmelten Opfer zusammen und verkroch sich, kraftlos zu weiterem Weg, in schutzlose Winkel, zunächst von heller Verzweiflung übermannt, dann aber in wachsender Stumpfheit dem Ende entgegen dämmernd, über das die riesigen Massengräber des Totenackers keinen Zweifel ließen.

Pfarrer Peters war in Gumrak geblieben. Der Schreckensort hielt ihn mit zähen Klauen. (…) Er ging durch die dicht belegten Holzhäuser an der Straße, von denen das eine oder andere oft über Nacht hinweggewischt wurde. (…) Dort hausten die sogenannten ‚Leichtverwundeten‘. (…) Man heizte dort das Holz der Granatenverpackungen, die am Ortseingang lagen. Die Verwundeten ‚besorgten‘ es sich. Sie sorgten auch selbst für ihre Verpflegung. Da es die 60 Gramm Brot, von der Armee einst als Tagesration für Verwundete ausgesetzt, schon längst nicht mehr gab, lauerten sie auf stürzende Pferde oder humpelten zu der 3 km entfernt liegenden Schlächterei, und wenn sie Glück hatten, erwischten sie einen blutigen Fetzen Pferdefleisch oder eine Handvoll Hafer. Im übrigen gab es leere Konservendosen und Schnee…

Gottesdienst hielt Pfarrer Peters in diesen Tagen zweimal in dem größeren der beiden steinernen Bahnhofsgebäuden. Leicht war das nicht; denn die Treppen und Gänge waren vollgestopft mit Verwundeten oder Toten. Man wusste das nicht genau. Denn der Luftdruck der detonierenden Bomben zertrümmerte eine Fensterscheibe nach der anderen und die Öffnungen wurden mit Ziegelsteinen gefüllt. Wärme war besser als Licht. (…)

Eine brennende Kerze in der Hand, zwängte sich der Pfarrer, auf stumpfe weiche Körper tretend, bis zu der Tür zwischen den beiden Räumen hin. (…) Er konnte nicht mehr helfen. Das Gefäß war erschöpft. In stumpfer Benommenheit watete Peters durch den zähen Schlamm des Elends, aus dem hier und da wie giftige Blasen einzelne Bilder aufstiegen. Nur selten blieb eines davon – und nicht immer eines von den schrecklichsten – in seinem Inneren haften. So das von den beiden Rumänen, unweit des steinernen Brunnenrondells, in dem man die Toten gestapelt hatte wie Holzscheite, lagen sie auf der Straße, hart und tot, jeden Tag neu verunstaltet und schließlich plattgedrückt wie Wilhelm Buschs böse Buben. – So auch das Bild der Leichen, die man als Stufen vor die hohen Viehwagen gelegt hatte, und über die er täglich hinwegsteigen musste. – Und auch das Gesicht des jungen Soldaten verließ ihn nicht mehr, der da um Einlass flehend vor dem Pfosten an der Tür des Bahnhofsgebäudes auf den Knien gelegen hatte. Am nächsten Morgen noch lag er dort, zusammengekrümelt und auf die Seite gesunken. An seinem Gesicht hingen die letzten Tränen, Perlen von Eis…“


  • Das Kapitel „Stirb – und werde!“ spielt nach der Offensive auf den Kessel ab 10.01.1943. Breuer und Konsorten erreichen auf ihrer Flucht die Vorstadt von Stalingrad. (S. 434-435)

„…Breuer spürte die Anstrengungen des vergangenen Tages in seinen Gliedern. Auch seine Wunde schmerzte wieder heftig. Nach dem jähen Ausbruch aus dem Kroatenhaus hatte ihn das Gefühl der Verlassenheit mit doppelter Stärke überfallen. Er war etwas anderes geworden seit gestern. Die Umwelt, durch das eine gesunde Auge auf eine tiefenlose Fläche gebannt, schien merkwürdig verändert. (…)

Breuer versuchte sich Bilder aus der Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen: sein Arbeitszimmer, den grünen Sessel mit der Stehlampe, in deren warmen Licht er zu lesen pflegte, die Gesichter seiner Frau und der Kinder; jene letzte Dampferfahrt zu den Sanddünen der Nehrung, wenige Tage vor Beginn der ‚kurzfristigen Übung‘, die nie ein Ende gefunden hatte. Es gelang nicht. Alles blieb blass und verschwommen. Die alte Welt war ausgelöscht. Wie durch einen Schleier ahnte er nur noch schwach ihre Umrisse.

Er begriff nicht, wie er vor kurzem (war das erst vorgestern? gestern?) dem gewaltsamen Ausbruch, dem Ausfliegen hatte entgegenfiebern können. Wohin hatte er gewollt? Es gab kein Zurück mehr…War jener Breuer, dem Studienrat Strackwitz das Todesdatum prophezeit hatte, wirklich in der Nacht auf den Vierundzwanzigsten gestorben? Fast schien es so. Jener brave, willige, in besorgte Bürgerlichkeit eingebettete Breuer war wohl tatsächlich gestorben mit allem, was er gedacht, geglaubt, geliebt und gehofft hatte. Geblieben war ein Gefäß ohne Hoffnung und ohne Schmerz, voll dumpfer, grenzenloser Leere.

‚Ich träume nicht von alter Zeiten Glück…‘ Nein, er träumte nicht mehr! War es überhaupt ein Glück gewesen, dieses satte, oberflächliche, vom prickelndem Reiz kindischer Sorgen ununterbrochene Dahinleben, in dem man sich Treiben ließ wie in einem warmen, einschläfernden Strom? War es nicht ein Selbstbetrug, eine einzige Illusion gewesen, an deren Ende zwangsläufig und folgerichtig die furchtbare Entschleierung von Stalingrad stand? Eine harte Hand war über die Tafel gefahren und hatte die bunten Zeichen eines falschen Glücks hinweggewischt. Geblieben war nur die Wand, leer und schwarz. Würden einmal neue Zeichen darauf in eine neue Zukunft weisen? (…)

Was von den kleinen Vorstadthäusern noch irgendwie Unterschlupf bot, war vollgestopft mit Menschen, und noch immer irrten sie zu Tausenden in den Straßen umher, führerlos und ziellos in alle Richtungen. (…) Wie eine Unterkunft finden? Würde man auf der Straße verrecken wie so viele schon?…“

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