Wie kam es zur Echtzeitreise?

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FRAGE: Wie kam es zur Idee der Echtzeitreise?

Dies ist eine der vielen Fragen, die ich nun und demnächst beantworten möchte. Eigentlich wollte ich das schon viel früher tun, allerdings kam immer wieder so einiges dazwischen.

Der Grund für diese Verzögerung ist, dass es sich ja nicht um meinen Beruf handelt, solche virtuellen Reisen zu veranstalten. Ich habe sowas auch noch nie vorher gemacht. Für mich war es klar als „Hobby“ definiert, also etwas, was sich nebenher machen lässt. Allerdings erwies sich, dass der Aufwand immer umfangreicher wurde, denn es ist ja ein weites Feld, in dem man sich gut verirren kann. Außerdem wurde mit jedem Brief das Verständnis für die Materie konkreter, besonders durch das Feedback der anderen Leser, neue Frage tauchten auf, die recherchiert gehörten, etc.

Daran sehen Sie, dass ich kein Experte bn. Ich habe mich sogar zeitlebens dem ganzen Thema Stalingrad eher verweigert. Im Gegensatz zu wahrscheinlich den meisten anderen hier habe mir bis heute noch nicht einmal die einschlägigen Filme dazu angeschaut. Hier und da kam ich nicht drumherum, mir Dokumentationen anzuschauen, aber meist nur mit einem Auge, denn auch das war mir schon zu viel des Schlechten: all die Leichenberge, Verstümmelungen, sinnlose Zerstörung, Kampf aufs Äußerste um nichts und wieder nichts; und mitten drin mein mir unbekannter Großvater, der meinem Vater nie ein Vater sein konnte – was auch ihn dazu bewog, sich damit lieber nicht auseinanderzusetzen, lieber nur nach Vorn schauen. Im Gegensatz dazu steht seine große Schwester Heidi, die Sie hier im Bild vor 12 Jahren beim Denkmal der Gefallenen und Vermissten Soldaten auf der Deutschen Kriegsgräberstätte Rossoschka – sehen.

Kurz: Ich musste mir die historischen Hintergründe erst im Laufe der Reise Stück für Stück „in Echtzeit“ erarbeiten. Es erwies sich, dass es einen großen qualitativen Unterschied macht, ob man die Briefe allein liest, was ich natürlich vorher getan habe, oder in dieser Art von „Lesekreis“. Deshalb habe ich für mich sehr viel daraus ziehen können. Vielen Dank dafür!

Zurück zur eigentlichen Frage: Ich hatte schon viel früher, mindestens 10 Jahre lang, die Gelegenheit gehabt, mich mit den Briefen eingehend zu beschäftigen. Sie lagen mir die ganze Zeit vor, aber ich habe sie nicht angerührt. Obwohl sie mir sogar in digitaler Form vorlagen, feinsäuberlich abgetippt von … meiner Tante Heidi!

In ihre Finger sind die Briefe kurz vor dem Tod meiner Großmutter, der Adressatin der Briefe, im Jahre 2001 geraten. Diese hat ihr die Briefe bewusst übergeben – im Vertrauen, denn sie wollte nicht, dass sie den „Familienkreis“ verlassen. Aufgehoben hatte sie sie wohl auch nur, weil mein Großvater in seinem 26. Brief in einem Nachsatz noch schnell anfügte, dass sie die Briefe doch aufbewahren solle, denn er wolle sie „später“ noch einmal lesen. Zu diesem „Später“ kam es bekanntlich nicht, und trotzdem hat sie sie aufbewahrt – während sie ihre eigenen Briefe, die er ihr ja großteils im Paket zurückgesandt hatte (wie er in einem Brief offenlegt), aufbewahrte. Ich stelle mir vor, dass sie für sie nach dem langen vergeblichen Warten etwas Heiliges hatten, wie eine Reliquie – eine, die man aber nicht öffentlich ausstellt, sondern versteckt, nur für Eingeweihte zugänglich macht. Insofern haben wir sie nun tatsächlich „entweiht“.

Meine Tante übernahm die Briefe, und nach dem Tod ihrer Mutter begann sie, die Briefe digital zu transkribieren. Sie übergab sie uns, den anderen Familienmitgliedern, zum Lesen. Hier stieß sie erst einmal nicht auf das erhoffte Interesse. Nur kurze Zeit später, 2003, kam es dann aber schon zur Veröffentlichung einiger Briefe im Buch „Feldpostbriefe aus Stalingrad“. Sie stelle dem Herausgeber, Jens Ebert, entgegen dem ausdrücklichen Wunsch meiner Großmutter, die Briefe zur Verfügung. 2011 kam es dann zur Neueröffnung des Militärhistorisches Museum der Bundeswehr – MHM Dresden, ehem. Armeemuseum der DDR, und die Originalbriefe wanderte in dessen Archiv.

Erst in der ersten Hälfte 2017 begann ich, nach Jahren des Zögerns, mich auf die Briefe einzulassen. Und da ich beruflich darüber nachdenke, wie man etwas auf die besten Weise dokumentarisch veröffentlichen kann, kam mir der „Geistesblitz“ Ende Mai 2017, als mir plötzlich dieses 75-Jahre-Jubiläum des ersten Briefes auffiel. Wer denkt schon an „Jubiläen“…?

Es begann also ganz ohne Konzept, nur dass ich dann den ersten Brief am 5. Juni 2017 online veröffentlichte. Dann kam eins zu anderen, und Sie haben es ja mitverfolgt: Ich war ab dann gezwungen, „auf Sicht zu fahren“, und es ergaben sich ein Haufen von Problemen: Anfangs habe ich noch alles mögliche geschwärzt, denn ich wollte es anonym halten (Feldpostnummer, Nachname, etc.). Tatsächlich habe ich mir da auch noch gar nicht die „Erlaubnis“ von meiner Tante eingeholt. Allerdings erwies sich das nicht als ein Problem. Sowohl sie als auch mein Vater gaben im Nachhinein ihren Sanktus.

Erst, als sich die Presse dafür zu interessieren begann, im Laufe des Sommers 2017, stand ich plötzlich in Person in der Öffentlichkeit, und somit war auch die Identität des Briefeschreibers aufgedeckt…

Das Problem mit dem „auf Sicht fahren“ ist, dass man unsicher ist: einerseits zu vorsichtig, andererseits zu beredt. Was sollte ich preisgeben, was verheimlichen? Denn es gab nicht nur den Wunsch meiner Großmutter, der dem Ganzen entgegenstand, es waren ja intime Briefe, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, und auch der Schreiber wollte sie nur „später“ für sich nochmal lesen.

Deshalb hatte ich immer das mulmige Gefühl, ihn einer „wilden“, unkontrollierbaren Öffentlichkeit preiszugeben. Manchmal ließen sich Leser zu Kommentaren hinreißen, die ich als unangemessen und respektlos empfand. Wie sollte ich es vor ihm, den Urheber der Briefe, rechtfertigen so etwas zuzulassen? Wie konnte ich ihn davor schützen?

Die allermeisten aber waren sehr respektvoll. Die Echtzeitreise hat mir geholfen, die Briefe besser zu verstehen, und so kam es dazu, dass ich Lust bekam, das Ganze darüber hinaus zu vertiefen. Deshalb entwickelt sich das Crowdfunding-Projekt für Recherchen vor Ort.

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Bis zur nächsten Fragebantwortung…

Schönen Sonntag!

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