2. Tag: Kursk von oben (1)

Auch den zweiten Tag unserer Reise verbringen wir in Kursk. Wir werden ihn dazu nutzen, uns Kursk einmal von außen – und oben! – zu erschließen.

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Mein Großvater selbst sitzt bereits seit einer Woche in einem Wald nahe Kursk fest. Am 12. Juli 1942 schreibt er wieder einen langen Brief an seine hochschwangere Frau in Hamburg – und ahnt nicht, dass diese ihm gerade im Moment des Schreibens einen Sohn schenkt: meinen eigenen Vater! Er schreibt ihr an diesem Tag:

„Mir ist es gleich, ob Du mir einen Jungen oder ein Mädchen schenkst. Wenn es ein Junge ist, habe ich nur den einen Wunsch, daß ihm später mal der verdammte Kommiß erspart bleibt. Aber bis dahin sind wir 20 Jahre weiter und da kann sich vieles ändern.“ (12. Juli 1942)

Dieser einzige Wunsch wird in Erfüllung gehen. Außerdem hat er schreckliche Informationen über seine alte Heimatstadt Köln erhalten, wo er geboren und aufgewachsen war, und wo auch noch seine Familie wohnt – Mutter, Vater und Bruder, die ihn nicht sonderlich zu interessieren scheinen…

„Wie mir ein Kamerad, der in Köln war, erzählte, muß Köln jetzt sehr schlimm aussehen. Es heißt jetzt nicht mehr Köln am Rhein, sondern Köln am Arsch. Für Zipfel ist das auch ein großer Ausfall. Jetzt wird Toni auch sicher schon in dem verdammten Rußland sein. Alles, was Beine zum Laufen hat, wird an diese Front geworfen.“ (12. Juli 1942)

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Unsere erste Maßnahme an diesem 2. Tag unserer Tour ist es, ein hohes Gebäude zu finden, von dem wir vom Zentrum aus einen guten Rundumblick erheischen können. Ins Auge sprang uns das Hotel Kursk, ein spätsowjetischer Zweckbau, dessen Inneres gut und gern die Schauplatz eines russischen Romans oder Films sein könnte, in dem alle möglichen und unmöglichen Dinge geschehen (oder geschehen sind).

Das Personal erweist sich als äußerst zuvorkommend, und es ist schwer auszumachen, wer von uns neugieriger auf die jeweils anderen ist. In Begleitung eines jungen Managers und eines „alten Hasens“, der wohl schon seit Errichtung des Hauses zum Inventar zählt, besteigen wir das Dach…

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Mein Großvater verbrachte ja ganze 2 Wochen in (bzw. bei) der Stadt. Zumeist sitzt er ja in einen Wald außerhalb der Stadt fest, weil die Achse seines LKW gebrochen ist, zu dessen 4-Mann-Besatzung er gehört. Er berichtet:

„Sobald es abends dunkel wird, kommen die russischen Flieger und werfen auf die Vormarschstraßen ihre Last ab. Aber wir liegen mitten im Wald und sind gegen Fliegersicht gut getarnt. In unmittelbarer Nähe haben sie allerdings schon Bomben geworfen.“ (12. Juli 1942)

Einen Tage danach kommt er in die Stadt:

„Gestern sind wir nach K. abgeschleppt worden. Unsere Bemühungen, hier eine neue Achse zu bekommen, waren vergeblich. Wir müssen jetzt eine holen lassen in einer Stadt, die ungefähr 250 km südlich von uns liegt. Ob wir da eine bekommen, ist auch fraglich. Du siehst, es kann eventuell noch lange dauern, bis wir mal wieder fahrbereit sind. Ich empfinde das durchaus nicht tragisch.“ (14. Juli 1942)

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Tags darauf berichtet mein Großvater von den Aktivitäten der sowjetischen Luftwaffe über der Stadt:

„Letzte Nacht waren die Russen wieder hier. Sie haben durch Flugzettel die Bevölkerung aufgefordert, die Stadt zu verlassen, weil sie die kommende Nacht K. dem Erdboden gleich machen wollen.“ (15. Juli 1942)

Damit ist die einheimische Bevölkerung besser informiert als er selbst, denn…

„Jetzt wissen wir hier garnicht mehr, was in der Welt vor sich geht. Radio kaputt und keine Zeitung zu haben.“ (14. Juli 1942)

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