33. Brief – 16. August 1942

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– 33. Brief –

Rußland, den 16.8.42

Mein liebes Frauchen!

War das eine große Freude, als gestern Abend nach langem Warten die Post für unsere Einheit eintrudelte. Die erste Karte war die Deiner Eltern, die mir mitteilten, daß am 12.7.42 gegen 12 Uhr unser Sohn und Stammhalter eingetrudelt sei. Nach langem Warten hatte ich nunmehr endlich Gewißheit, daß alles gut gelaufen ist und du gesundheitlich alles gut überstanden hast.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit Dir insbesondere recht herzlich zu unserem Stammhalter gratulieren und Dir von ganzem Herzen recht herzlich danken. Wie schön wäre es nun, wenn ich in den Tagen Deiner Niederkunft hätte bei Dir sein können. Aber bei unserem 3. und letzten Sprößling wird es bestimmt so sein.

Nun will ich Dir mal mitteilen, welche Post ich gestern Abend alles bekommen habe.

Briefe:
Nr. 13 v. 1.7.42
Nr. 16 v. 4.7.42
Nr. 17 v. 5.7.42
Nr. 18 v. 6.7.42

Luftpostbriefe:
Nr. 27 v. 27.7.42
Nr. 28 v. 29.7.42
Nr. 29 v. 30.7.42

Von den Päckchen, die ich bekommen habe, füge ich die Zettel bei. Zweimal die Nr. 12 dürfte wohl ein Irrtum sein.

Jedenfalls bin ich mit Zigaretten mal wieder versorgt. Von Deinen Eltern ist erst ein Päckchen mit Schinken eingetrudelt. Einmal habe ich ein Päckchen mit Schokolade erhalten. Nun soll noch eine Menge Post bei einem Feldpostamt liegen, die noch geholt werden soll. Da wird auch die restliche Post bei sein, mal wieder abwarten.

Groß war auch die Freude, als ich in einem der Briefe die beiden Fotos von unserem Sohn fand, das ist ja ein lecker Kerlchen. Teile mir mal gelegentlich mit, wie schwer der Bengel bei der Geburt war.

Notiere Dir immer das Gewicht und die Größe an den einzelnen Terminen, damit ich das später alles mal festhalten kann. In der linken Seite des Schreibtisches findest Du in einer Aktenhülle die Gewichtstabelle von Heidi. Mache Dir die Notizen so, wie sie in der Tabelle vorgesehen sind.

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Eine Ernüchterung war in meiner Freude, als ich Deine Luftpostbriefe über die beiden Angriffe auf Hamburg las. Gott sei Dank, ist Euch nichts passiert.

Wenn Du es für zweckmäßig hältst, nach Buxtehude zu fahren, so tue es sofort. Was das kostet, spielt keine Rolle. Unsere ganzen Ersparnisse und noch mehr können ruhig dabei drauf gehen. Die Hauptsache ist, daß nur Euer Leben erhalten bleibt. Also zögere nicht lange und verlasse Hamburg, ehe es zu spät ist.

Beiliegend findest du noch 1 Luftfeldpostmarke und 1 Zulassungsmarke für 1 kg Päckchen.

Am dringendsten brauche ich den Benzinkocher und meine Pelzmütze. Hoffentlich hat mir Dr. Schmidt den Kocher, den ich auf dem Boden in dem Rucksack habe, zu einem Benzinkocher umarbeiten können.

Die Pelzmütze hätte ich jetzt schon gerne für die bevorstehende Kälte. Wenn es hier im Süden auch nicht so kalt werden wird, so ist es doch besser, wenn man warm „behütet“ ist. Laße die Mütze aber vorher in einem Herrenhutgeschäft etwas weiten, bevor Du sie mir schickst.

Ich nehme an, daß diese beiden Teile nicht mehr als ein Kilo wiegen. Eventuell kannst du noch etwas anderes, was schwerer ist als 100 gr., beipacken. Alles, was nicht mehr als 100 gr. wiegt, schicke in einfachen Päckchen, aber lege immer einen Zettel mit Datum, Nummer und Inhaltsangabe bei.

Wenn Du mir Luftpostbriefe schickst, mußt Du das Wort Luftfeldpost rot unterstreichen und außerdem den Umschlag rot durchkreuzen in der Art, wie Du es mit der Post nach Kowno immer gemacht hast. Ich brauche meine Luftfeldpostbriefe nicht rot zu durchkreuzen, das ist nur für die Luftpost in der Richtung von der Heimat nach der Front vorgeschrieben.

An unserem Frontabschnitt scheint besonders heute allerlei los zu sein. Seit den frühen Morgenstunden fliegen unsere Stukas dauernd zu den Russkis. Aber der Russe ist auch nicht untätig. Vor 2 Tagen haben sie hier 2 Russenflieger heruntergeholt. Einer wurde nachts brennend heruntergeholt und die beiden anderen am Tage. Es war interessant, das Schauspiel zu beobachten.

Nach allem was man hier so hört, soll der Russe nicht mehr lange standhalten können. Man hat Russen gefangen genommen, die erst 10 Tage Soldat sind. Die Gefangenen, die zu Tausenden täglich an uns vorbeikommen, machen alle keinen guten Eindruck mehr. Es sind entweder ganz alte oder ganz junge Russen. Wenn doch nur dieses Jahr der Krieg im Osten zu Ende ginge.

Wenn Du mal einige Tage keine Post erhältst, brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Ich schreibe Dir jeden 2. Tag, mindestens jeden 3. Tag. Nun geht die Post auch nicht jeden Tag hier weg. Da kann es gut passieren, daß Du mal einige Tage keine Post bekommst. Dafür werden dann auch mal einem Tag 2 oder 3 Briefe eintrudeln. Wie ich Dir schon mehrmals schrieb, bin ich beim Troß und brauchst Du Dir wegen mir nicht die geringsten Gedanken zu machen.

Wenn es geht, schicke mir bitte Briefumschläge und Sacharin. Beides wird Dir doch Dr. Schmidt besorgen können. Wegen eines deutsch-russischen Sprachführers könnte Dr. Schmidt sich mal in der Stadt umhören. Den ich zu Hause habe, ist überhaupt so ein primitives Ding. Auch so eine kleine Zigarettenmaschine kann er Dir sicher besorgen.

Du darfst da nicht so genant sein. Ich habe mir damals in Kowno für Dr. Schmidt die Hacken schief gelaufen. Und das weiß er auch. Briefpapier brauchst du mir keins zu schicken, davon habe ich genügend. Als Anschrift kannst Du ruhig Kanonier schreiben, das ist gestattet.

Diesen Brief habe ich mit Absicht so klein geschrieben, damit er nicht für Luftfeldpost zu schwer wird.

Und nun weiß ich nichts mehr. Für heute Euch Dreien die allerherzlichsten Grüße und Küsse

von Eurem Vati

Kurt Schramm hat eben ein Telegramm erhalten: Alles gesund, Brandschaden. Urlaub ist ihm abgelehnt worden.

Euer Vati


Anm: Am selben Tag sendet er auch eine Postkarte, die direkt an seinen neugeborenen Sohn adressiert ist. Später dazu mehr…

Ein Gedanke zu “33. Brief – 16. August 1942

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