ABOUT

cropped-starless-in-stalingrad-ascan-breuer-dokumentarisches-labor-brief_19420803-kopie.jpg

In den 7 Monaten vom 5. Juni 1942 bis 5. Januar 1943 schrieb mein Großvater ca. 100 Briefe – alle abgesendet aus Russland an meine Großmutter, die hochschwanger mit meinem Vater im Bauch in Hamburg saß – wo gerade der Bombenkrieg beginnt…

Mein Großvater wurde zum Kriegsdienst eingezogen, um als Soldat der Wehrmacht am Angriff auf Stalingrad teilzunehmen. In seinen Briefen berichtet er von seinen Erfahrungen und Impressionen, Gefühlen, Hoffnungen und Einstellungen.

Rahmen und Inhalt der Briefe

Vom ersten Moment der deutschen Sommeroffensive 1942 in Russland bis zum katastrophalen Scheitern im Kessel von Stalingrad hat Max Breuer als einfacher Soldat der 6. Armee einhundert Briefe an seine Frau in Hamburg geschrieben. Innerhalb von etwa 200 Tagen berichtet er ihr tagesaktuell aus unterster Perspektive, thematisch breitgefächert, persönlich und aufrichtig im Ton: Bereits in seinem ersten Brief weiht der Bankinspektor sie unverblümt ein in seine bedrückenden Impressionen von den Bloodlands:

„Am schlimmsten war es, als wir durch Polen fuhren. Dort liefen die Kinder am Zug entlang und riefen: ‚Bitte Brot!‘ Man denke mit Schrecken daran, was dieser Krieg für ein Elend über die Menschheit gebracht hat und noch bringen wird. Und jetzt naht auch schon der Tag der Geburt immer mehr. Mich quält nur der Gedanke, dass Du jetzt alle Arbeit, die damit zusammenhängt, alleine machen musst.“ (5. Juni 1942)

Die Briefe beginnen mit seiner Ankunft in Russland (Anfang Juni 1942), führen uns direkt in die Schlacht um Stalingrad (ab Ende August) und in den Kessel hinein (ab Ende November), und enden kurz vor Einbrechen der Roten Armee in den Kessel (Anfang Januar 1943).

In seinen Briefen berichtet Breuer ausführlich, offenherzig und sehr intim, oft kritisch und sarkastisch, und manchmal blauäugig von seinen Beobachtungen als rangloser, unerfahrener Soldat an der Ostfront – sowie auch von seinen Gefühlen und Leiden, Hoffnungen und Wünschen, die sich insbesondere um die ungewisse Geburt seines zweiten Kindes sowie das Schicksal seiner Familie in der Hansestadt im Allgemeinen drehen, wo gerade der Bombenkrieg begonnen hat:

„Nur schade, daß unser Kai auch mal Soldat werden muß. Hoffentlich ist in 20 Jahren die Welt etwas friedlicher. Ich wundere mich nur, daß sie Toni trotz seiner Plattfüsse k. v. (kriegsverwendungsfähig) geschrieben haben. Aber wir brauchen Kanonenfutter.“ (11. September 1942)

Am 20. Juli 1942 wird er in der Stadt Woronesch Zeuge der Judendeportierungen aus Ungarn:

„Interessant ist, daß sie ihre ganzen Juden aus Ungarn mitgebracht haben. Diese setzen sie hier zum Straßenbau ein. Wie ich beobachten konnte, haben die hier nichts zu lachen. Wir hatten einigen mal Wasser gegeben, sofort kamen alle angelaufen. Sofort kam der Aufseher und schlug sie mit einem Stock auseinander.“

Kritisch geht er zuweilen auch mit dem Verhalten seiner eigenen Kameraden ins Gericht. Breuer berichtet seiner Frau:

„Es wird Dich interessieren, auch mal etwas über die Kameradschaft zu hören. Das ist ein Begriff, der überall, nur nicht in der Wehrmacht existiert. Der Kamerad ist im Krieg 1914-18 gefallen, sagt eine Redewendung. Du müsstest nur mal sehen, wie die Brüder den Russen ihre letzten Hühner und Gänse vom fahrenden Auto aus abknallen. Ich habe heute mal wieder die Nase von dem verdammten Krieg gestrichen voll. Unser Weg führt immer noch südlich, wahrscheinlich kommen wir noch ans Schwarze Meer.“ (1. August 1942)

Am Ende wird er das Schicksal der vielen Millionen Opfer des Kriegs im Osten Europas teilen müssen. Als Soldat der eingeschlossenen 6. Armee schreibt Breuer seiner Frau zu Weihnachten aus dem Kessel heraus:

„Mir ist dauernd schwindelig im Kopf vor Hunger. Da wir für vier Tage ein halbes Brot empfangen haben, ist es meistens so, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann und das Brot in den ersten beiden Tagen schon wegfrisst.“ (27. Dezember 1942)

Max-Breuer_Starless-In-Stalingrad_Dokumentarisches-Labor

Briefe multimedial / interaktiv

„Starless in Stalingrad“ ist ein vieldimensionales, multimediales und über die sozialen Medien interaktives Projekt, das sich ständig in Entwicklung befindet…

Sinn dieser Initiative ist es nicht, nostalgische Geschichtsverklärung zu fördern, sondern im Gegenteil wollen wir mittels dieser einzigartigen und authentischen Erstquelle eine tiefgehende und spannende Auseinandersetzung mit Geschichte und Politik ermöglichen – ohne den Lesern Vorgaben zu machen, wie sie diese zu interpretieren haben.

1. Schritt: Echtzeitreise (Juni 2017 – Februar 2018)

Im Juni 2017 begannen wir diese einzigartigen Zeitdokumente in Form einer Echtzeitreise online zugänglich zu machen – Stück für Stück, Tag für Tag, immer genau 75 Jahre nach dem Verfassens der Briefe.

Über 8000 Menschen haben dieser interaktive Echtzeitreise hier im Blog und auf Facebook/StarlessInStalingrad live verfolgt.

Start der Echtzeitreise:

Starless-in-Stalingrad_Echtzeitreise-erster-brief_Dokumentarisches Labor

2. Schritt: Recherchen vor Ort (Mai/Juni 2018)

Im Laufe unserer gemeinsamen „Echtzeitreise“ haben wir uns dazu entschieden, unseren einmal eingeschlagenen Weg fortzusetzen: Mit Hilfe von Crowdfunding und durch verschiedene institutionelle Unterstützungen sind wir im Mai 2018 für vier Wochen nach Russland gereist und haben an den Orten der Briefe audiovisuelle Untersuchungen angestellt. Die Expedition führte uns von Kursk, den Don flussabwärts bis nach Wolgograd.

180517OS KURSK_0015.00_16_50_08.Standbild011_Dokumentarisches-Labor-dokulab_Starless-in-Stalingrad

3. Schritt – AKTUELL: Fotoblog (November 2018 – ???)

Seit November 2018 werden Ergebnisse der Recherchen in Form eines Foto-Logbuchs auf verschiedenen Online-Plattformen laufend präsentiert: Folgen Sie uns gerne auf Facebook, Instagram und hier im Blog!

180517OS KURSK_0015.00_57_32_20.Standbild019_Dokumentarisches-Labor-dokulab_Starless-in-Stalingrad

4. Schritt – AKTUELL: Alle Briefe als e-Book (seit Dezember 2018)

Das eBook von STARLESS IN STALINGRAD ist jetzt mit allen bekannten Briefen und – exklusiv! – mit persönlichem Nachwort im Handel erhältlich!

Reinblättern und Herunterladen:

Das eBook ist auch bei allen anderen Online-Buchhändlern verfügbar…

Mit dem Erwerb unterstützen Sie den Fortgang des Gesamtprojekts in seinen verschiedenen Facetten. Die Briefe selbst werden natürlich auch zukünftig online im Volltext und zur Gänze kostenfrei in unserem Blog verfügbar bleiben!

Weitere Informationen zum e-Book:

Starless-in-Stalingrad_eBook-Cover_Dokumentarisches-Labor_Max-Breuer_Ascan-Breuer