50. Brief – 25. September 1942

Brief50_Starless-in-Stalingrad-Dokumentarisches-Labor

– 50. Brief –

Rußland, den 25.9.42

Mein liebes Frauchen!

Nun wird es aber die höchste Zeit, daß ich schreibe, damit Du Dich nicht beunruhigst. Außerdem verpflichtet die erhaltene Post zum Schreiben: 3 Briefe, 5 kl. Päckchen und 1 2-Pfd.-Päckchen. die Briefe und Zettel findest du beiliegend.

Ich wundere mich, daß Prof. Hinselmann so wenig Post von seinem Sohn bekommt. Wie er mir dieser Tage erzählte, schreibt er sehr viel. Sein Sohn hat übrigens Pech gehabt. Er hat 6 Tage Bau bekommen, da er angeblich seinen Chef belogen haben soll. Er sagt mir, da sei ihm Unrecht geschehen. Nun ist es beim Kommiß so, daß Du gar keine Möglichkeit hast, Dich dagegen zu wehren. Jedenfalls ist es allerhand, daß man ihn bestraft hat, wo man ihn nicht überführen konnte. Sage seinem Vater aber nichts davon, der soll das nicht wissen. Er hat sich sehr darüber geärgert.

Gestern wurde uns gesagt, daß es in Kürze mtl. 2 Päckchenmarken geben soll Diese können auch für ein Paket zusammen verwandt werden. Dann kann das Paket 4 Pfd. schwer sein, muß allerdings dann mit 0,40 frankiert werden. Ich werde sehen, daß ich Dir möglichst viel Päckchenmarken schicken kann. Es sind nämlich viele Kameraden da, die keine Verwendung dafür haben. Du mußt nun selbst wissen, ob Du ein 2- oder 4 Pfd.-Päckchen jeweils schicken willst. Sorge jedenfalls, daß Du für Weihnachten ein 4 Pfd. Päckchen schicken kannst. Wenn Du mal Kuchen schicken willst, darf es keiner sein, der keinen Monat alt werden darf und der leicht bröckelt. Aber Kuchen ist auch nicht das Richtige, es gibt so viele schöne Fressalien, die Du mir schicken kannst, sofern Du sie auftreiben kannst.

Mit der Gutschrift wegen der 100,- von der Krankenkasse hat es schon seine Richtigkeit, das ist die Geburtsbeihilfe (ein fester Betrag) für die Niederkunft. Ich hatte seinerzeit Dr. Schmidt gebeten, das zu veranlassen. Dann hatte ich Dir auch mal geschrieben, Du möchtest alle Rechnungen, die mit der Geburt oder anderen Krankheiten bei Heidi und Dir (Arzt- und Arzneirechnungen) zusammenhängen, durch Vermittlung von Dr. Schmidt der Krankenkasse zur Erstattung einreichen. Dr. Schmidt hatte ich geschrieben, daß er sich von Dir die Akte „Krankenkasse“ geben lassen sollte. Ist das geschehen und was hat die Krankenkasse geschrieben? Die Krankenkasse wird einen Teil der Kosten ersetzen und für den Rest Dich an die Reichsbank wegen Notstandsbeihilfe verweisen. Wenn dies der Fall ist, so nimmst Du alle Unterlagen, die Dir die Krankenkasse zurückgesandt hat, und außerdem alle Rechnungen für die Ausstattung (möglichst viele) und gehst damit zu einem Herrn Wienand oder seinem Vertreter Daake (Personalabteilung) und beantragst die Notstandsbeihilfe. Die Herren sind sehr nett und freundlich und werden die Formulare schon ausfüllen. Ich werde dann Wienand in den nächsten Tagen dieserhalb schreiben. Du mußt allerdings in den Morgenstunden zur Reichsbank gehen. Vielleicht Montag, dann kann Deine Mutter mal eine Stunde die Kinder aufwarten. Zweckmäßig ist es, wenn Du vorher Herrn Wienand (361971 App. 67) anrufst. Also nicht auf die lange Bank schieben. Sieh aber zu, daß Du möglichst viele Rechnungen hast. Vielleicht kaufst Du noch vorher die Bettwäsche für das Kinderbett. Was Du da wegen des Ernährungsamts machen sollst, weiß ich auch nicht. Hoffentlich haben sie Dir einen Bezugsschein für Kinderbettzeug ausgestellt.

Ich bin ja auch mal gespannt, wie die Bilder von dem Film geworden sind. Sicherlich sind sie jetzt schon unterwegs an mich.

Ich bin froh, daß ich in den nächsten Tagen Sacharin und 2 Spiegel bekomme. Beides kann ich zurzeit sehr gut gebrauchen, besonders den Sacharin. Spreche Dr. Schmidt meinen herzlichen Dank aus.

Ernst-Otto habe ich schon so oft geschrieben, aber er antwortet wenig. Wo das jetzt mit seiner Flamme aus ist, hat er sicher Liebesschmerz. Heute hat er Geburtstag, es hat aber keinen Sinn, wenn ich ihm heute noch nachträglich zum Geburtstag gratulieren wollte.

Hier schicke ich Dir auch den Einlieferungsschein über die RM 150,-, die ich überwiesen habe. Sobald der Betrag eingeht, mache mir bitte Miteilung. Teile mir doch mal bitte die Sparkontennummern von Heidi und Kai mit. Ich möchte ihnen auch mal etwas auf ihr Konto
überweisen. Frage dann auch gleichzeitig bei der Hamburger Sparkasse Goebenstraße nach der Postschecknummer der Sparkasse.

Wenn es Dir möglich ist, schicke mir mal 2 Paar Einlegesohlen (möglichst aus Filz) Größe 44 und einen Tabakbeutel. Vielleicht ist es Dir möglich, mir einen aus Leder zu machen, wenn Du noch so dünne Lederreste hast. Sonst mache mir einen kleinen Beutel aus Leinen mit einem Band dran. Ich glaube nämlich kaum, daß Du einen Tabakbeutel oder –dose bekommst. Herr Schade könnte mal gut vorerst bei der Wiener Feuerzeugzentrale fragen.

Gestern habe ich Dir ein Päckchen Nr. 4917 geschickt. Es enthält die Sachen, die ich auf beiliegendem Zettel verzeichnet habe. Die weiße Wolle kannst Du doch für irgendeinen Zweck verwenden, ebenso die weiße Sportbluse, und wenn Du sie als Wischlappen verwendest. Liederheft, Bleistifte, Federhalter, Gummi- und Schlüsselring hebe auf bis nach dem Kriege.

Wegen des Kochers hatte ich Dir schon geschrieben. So kann ich ihn nicht als Benzinkocher verwenden. Aber ich habe einen bei einer Dresdner Firma bestellt. Diese wird ihn Dir zusenden und dann schickst Du ihn mit in einem 2 Pfd.-Päckchen. Das sind ganz prima Kocher mit einer guten Flamme. Hoffentlich führt die Firma den Auftrag aus.

Ein Teesieb schicke ich Dir zurück, Du hattest mit 2 geschickt. Die Papiertaschentücher hatte ich mir mal gekauft, habe aber keine Verwendung dafür. Ich werde Dir in den nächsten Tagen noch mehr Sachen schicken, da ich nichts Überflüssiges hier haben möchte. Den Salzstreuer kann ich auch nicht gebrauchen, da mir dann immer das Salz in die Tragetasche laufen würde. Aber ich hatte doch mal einen Salz- und einen Pfefferstreuer gekauft, wo oben ein Knopf zum Drücken dran war. Sobald man diesen Knopf bediente, floß Salz oder Pfeffer. Wenn ich mich nicht irre, waren die Streuer elfenbeinfarbig und bunt abgesetzt. Solltest Du diese Streuer noch haben, so schicke sie mir. Sonst bemühe Dich nicht mehr darum.

Du hast mir immer noch nicht mitgeteilt, ob das Halmaspiel, das ich Dir seinerzeit von Brobmisk sandte, eingetroffen ist. Wenn Du mal in die Stadt kommst, gehst Du mal auf der Mönckebergstraße bei Leder-Klockmann vorbei. Dort konnte man seinerzeit mal Schachspiele zu 1,50 RM sehen. Wenn Du so ein Wachstuch mit Schachfeldern und auf der Rückseite ein Mühlebrett haben solltest, so schicke mir das und die Steine aus dem Schachspiel von Klockmann. Hoffentlich ist es nicht über 100 gr schwer.

Erkundige Dich doch mal bei der Post, ob die kleinen Päckchen nicht 110 gr. und die 2 Pfd.-Päckchen 1100 gr schwer sein dürfen. Zum Wiegen der kleinen Päckchen kannst du gut unsere Briefwaage benutzen. Für die großen unsere Küchenwaage. Ein Päckchen war von dem Postamt in Hamburg geöffnet worden, da der Zucker auslief. Schicke bitte keinen Zucker mehr, bleibe aber um Sacharin laufend bemüht.

Heute habe ich 24 Stunden Feldwache in der vordersten Linie. Wir haben die ganze Nacht im Deckungsloch gesessen, ohne daß etwas los war. Den Tag über benutze ich nun dazu, Dir einen langen Brief zu schreiben. Wir liegen noch immer vor Stalingrad. Die Stadt scheint doch schwer einzunehmen zu sein. Wir bauen hier jetzt feste Bunker, es hat alles so den Anschein, daß jetzt schon für den Winter vorgesorgt wird. Hoffentlich kommen wir vorher noch nach Frankreich. Tagsüber ist hier immer noch das schönste Wetter, nur die Nächte sind eisig kalt.

Ich höre es immer gerne, wenn Du mir von dem guten Vorwärtskommen von Kai schreibst. Nur macht es mir Kummer, wenn Du von dem „Sorgenkind“ Heidi schreibst. Wenn sie nicht richtig ißt, ist auch nicht schlimm. Du warst ja früher auch kein großer Esser und bist doch eine kräftige Deern geworden. Kai scheint den Appetit zu haben, den ich in meiner Kindheit und jetzt auch wieder habe. Ich bin einer der stärksten Esser der Batterie. Aber nur keine unnötigen Gedanken machen.

Entschuldige meine Schrift, aber ich habe viele Schwielen an den Händen vom Bunkerbau und schreibe in gebückter Haltung im Deckungsloch.

Und nun seid viel tausendmal gegrüßt und geküsst von

Eurem Vati


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser im Original die Nr. 8a trägt. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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