5. Phase: Im Kessel

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Seit 19. November 1942 überschlagen sich die Ereignisse, denn die Rote Armee hat äußerst erfolgreich ihre „Operation Uran(us)“ begonnen, die nur wenige Tage später, am 23. November 1942, zur vollständigen Einkesselung führte. Mein Großvater berichtet davon in seinem Brief an seinen Schwager „Ludsche“ vom 25. November 1942. Damit hat der fünfte und letzte Akt unserer „Echtzeitreise“ begonnen.

Es ist unmöglich, hier in kurzen Worten zusammenzufassen, wie es dazu kam, und was für Folgen das hatte. Ihr werdet in den folgenden Briefen zumindest von den persönlichen Folgen aus erster Hand informiert werden. Auch ist es hier leider nicht möglich, die unfassbaren Fehler der militärischen Führung zu besprechen – und damit meinen wir natürlich nicht nur die militärisch-strategischen, sondern auch die unbestreitbaren menschlich-moralischen. Befasst man sich allein mit Letzterem, offenbaren sich unfassbare Abgründe über-shakespearischer Dimensionen. Kurz lässt sich das in den Worten des Stabchefs von General Paulus, GenMaj. A. Schmidt zusammenfassen, Wort, die dieser am 25. 11. 1942 unter die seitenlange „Denkschrift“ von General v. Seydlitz gesetzt hat, in der Seydlitz auf einen sofortige Ausbruch dringt: „Wir haben uns nicht den Kopf des Führers zu zerbrechen.“ (Geheime Kommandosache, O.U., 25.11.1942, Nr. 603/43 g.Kdos)

In der zeitgenössischen Geschichtsschreibung sind Verlauf und Hintergründe der Ereignisse ausführlich dokumentiert. Es gibt kaum eine zweite Schlacht in der Menschheitsgeschichte, die die internationale Wissenschaftsgemeinde so detailreich erforscht und entschlüsselt hat. Wir legen jedem wärmstens ans Herz, sich eines dieser Standardwerke zur Hand zu nehmen, und sich selbst ein Bild davon zu machen.

Mein Großvater kam also in den vergangenen Tagen (vor genau 75 Jahren) durch die völlig überraschende Einkesselung „vom Regen in die Traufe“, wie er seinem Schwager „Ludsche“ zuletzt berichtet hatte – was er aber meiner Großmutter, der Adressatin der anderen Briefe, wohlweislich verheimlicht, denn „sie würde einen großen Schrecken bekommen, wenn sie davon wüßte.“

Genauso denkt wohl auch das „Oberkommando der Wehrmacht“, das in seinen offiziellen Verlautbarungen Tag für Tag nur kryptisch von „schweren Kämpfen“ berichtet, die allesamt „erfolgreich abgewiesen“ oder „zurückgeschlagen“ werden konnten – inkl. genauer Angabe über erbeutete oder zerstörte feindliche Kriegsgeräte, Verluste und Gefangene. Von eigenen Verlusten wird grundsätzlich nicht gesprochen. Die deutsche Presse wird instruiert, diese (Falsch-)Meldungen keinesfalls als Aufmacher herauszugeben.

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Tatsächlich herrscht sowohl auf dem Schlachtfeld als auch in den Entscheidungsebenen auf deutscher Seite ein heilloses Durcheinander. Auch hier macht die Vielfalt der Ereignisse es unmöglich, sie in wenigen Worten zusammenzufassen. Die Armeeführung vor Ort schlägt schon am 23.11.1942 einen sofortigen Ausbruch und die Aufgabe von Stalingrad vor. Paulus schreib an jenem Tag an Hitler: „Mein Führer! Munition und Betriebsstoffe gehen zu Ende. (…) Eine rechtzeitige, ausreichende Versorgung ist ausgeschlossen. Die Armee geht in kürzester Zeit der Vernichtung entgegen, wenn nicht (…) sofortige Herausnahme aller Divisionen aus Stalingrad (..) Unabwendbare Folge muss dann Durchbruch nach Südwesten sein. Uns gehen dann zwar zahlreiches Material verloren, es wird aber die Mehrzahl wertvoller Kämpfer und wenigstens ein Teil des Materials erhalten. (…) Die kommandierenden Generäle (…) haben die gleiche Beurteilung der Lage. Bitte auf Grund der Lage nochmals ums Handlungsfreiheit!“

Das will Hitler keinesfalls akzeptieren. Entgegen der Meinung quasi der gesamten militärischen Führung setzt er am 25.11.1942 mit „Führerbefehl“, der höchsten Befehlsstufe, den Verbleib der Armee in Stalingrad durch, was in Stalingrad am nächsten Tag per Funk ankommt: „Hitler befiehlt die Bildung des Kessels und verspricht die Luftversorgung.“ Ab jetzt dürfen keine Befehle mehr erteilt werden, die dem Entscheid widersprechen.

Die Konsequenz ist jedenfalls, dass mein Großvater mit der gesamten Armee von ca. 250.000 Mann (davon 40.000 im Kampfeinsatz) quasi ohne Vorräte eingeschlossen ist – und sich der Plan Hitlers und Görings, sie über eine Luftbrücke zu versorgen, vom Tag Eins an als undurchführbar und illusorisch erweist.

Dem o.g. „Führerbefehl“ fügt Paulus‘ Stabchef Schmidt die berühmten Worte hinzu: „Drum haltet aus, der Führer haut uns raus.“ Der neu eingesetzte Oberbefehlshaber der sog. „Heeresgruppe Don“, Feldmarschall v. Manstein, plant in Hitlers Auftrag eine „Entsatzoffensive“ von Südwesten her, um einen 100 Kilometer langen, permanenten Versorgungskorridor zu schlagen – so sind zumindest Hitlers Vorstellungen. (Spätestens hier zeigt sich, dass es bei ihm zwischen Wunsch- und Realitätsprinzip keine konstruktive Verbindung mehr gibt.)

V. Manstein plant entgegen dem „Führerbefehl“, dass Paulus‘ 6. Armee bei dieser sog. „Operation Wintergewitter“ gleichzeitig aus Stalingrad ausbricht und den Rettern gen Südwesten entgegeneilt. Die eingeschlossenen Soldaten in Stalingrad sind aber zum Zeitpunkt der Offensive, die erst ab dem 12. Dezember 1942 starten kann, so ausgehungert, dass Paulus von einem Ausbruch Abstand nimmt, zumal er dafür auch keine ausreichenden Treibstoffreserven mehr hat.

Auf diesen „Entsatz“ setzen die Eingeschlossenen all ihre Hoffnungen, und die am 15. Dezember 1942 im Stalingrader Kessel gesammelt sog. „v. Manstein-Spende“ bringt mehr als 100.000 Reichsmark zusammen. Mit dieser soll dem Feldmarschall und vermeintlichen Befreier ein Weihnachtsfest ausgerichtet werden. Am selben Tag friert die Wolga vollständig zu. Am 17. Dezember 1942 werden die ersten Hungertoten auf deutscher Seite offiziell verzeichnet. Und am 19. Dezember müssen die Eingeschlossenen ihre Hoffnung auf Rettung durch „Entsatz“ vollständig begraben.

Schon steht Weihnachten vor der Tür…

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