77. Brief – 7. Dezember 1942

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– 77. Brief –

Rußland, den 7. Dez. 42

Mein lieber guter Engel!

Viel weiß ich Dir nicht zu schreiben, da ich aus besonderen Umständen keine Post zurzeit erhalte. Im Wehrmachtbericht vom 6.12.42 wirst Du sicher gelesen haben, daß wir zurzeit in einem großen Kessel sind. Aber das brauchst du durchaus nicht tragisch zu nehmen und Dir Gedanken zu machen. Es ist den Russen zwar schon mal gelungen, die Deutschen einzukesseln, aber bisher ist der Kessel immer durchbrochen worden. Und wir werden auch wieder herausgepelzt werden. Dessen bin ich sicher. Zumal ein Tagesbefehl des Führers uns bestimmte Hilfe versprochen hat. Du brauchst Dir also nicht die geringsten Sorgen zu machen, das ist völlig unnötig.

Wir haben alle paar Tage Gelegenheit, einen Brief an unsere Angehörigen zu schreiben. Und da mache ich für Dich in aller erster Linie Gebrauch. Die Post gelangt auf dem Luftwege ins rückwärtige Gebiet und von da in die Heimat.

Nur schade, daß wir zurzeit darauf verzichten müssen, Post aus der Heimat zu bekommen. Aber das wird in Kürze auch wieder der Fall sein. Hoffentlich bis Weihnachten, damit noch ein Teil der Päckchen ankommt. Ich freue mich schon richtig, was Du mir Leckeres geschickt hast. Hoffentlich hast Du nicht die Päckchen allzu sehr vor dem 30.11.42 abgeschickt, damit den Russen nichts in die Finger gefallen ist.

Naturgemäß ist die Verpflegung etwas knapper zurzeit. Aber heute kam schon der Befehl durch, daß wir auf dem Luftwege zusätzlich mit Verpflegung versorgt werden. Du siehst also, für alles ist besorgt. Diesertage haben wir das erste mal Pferdefleisch bekommen, was mir fabelhaft geschmeckt hat.

Kurt Schramm und Heinrich Hinselmann wohnen direkt ein paar Häuser weiter und sind guter Dinge.

Wieder bin ich Weihnachten nicht bei Euch. Das ist das einzige, was mich drückt. Schnaps und Rauchwaren sind für Weihnachten schon in genügender Menge vorhanden. So kann man sich dann gut über die Tage weghelfen. Weihnachten und Neujahr werden wir uns doch so nah sein.

Und nun wünsche ich Dir, Heidi und Kai sowie Deinen Eltern eine recht frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr. Vergeßt mir nur Euren Vati nicht.

Mit den allerherzlichsten Grüßen und vielen 1000 Küssen

Euer Vati,
der in jeder Stunde bei Euch ist.

Einmal werde ich wieder bei Dir sein!

 

Über Langeweile brauche ich nicht zu klagen, da ich mit meiner Rechnungsführerei mehr als vollauf beschäftigt bin.

Euer Vati

3 Gedanken zu “77. Brief – 7. Dezember 1942

  1. Es ist erstaunlich, wie positiv er noch gestimmt ist. Man vertraut Hitler noch immer. Bislang gab es ja auch noch keine solch katastrophale Lage. Wenn ich daran denke, dass all dies Leid hätte vermieden werden können, hätte der Gröfaz die Erlaubnis zum Ausbruch gegeben. Das macht mich immer wieder wütend und traurig.

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  2. Das sehe ich anders. Wahrscheinlich hätte ich auch darauf vertraut, befreit zu werden. Zumal zu diesem Zeitpunkt bislang noch jeder Kessel geknackt worden war. Aber die Wehrmacht hatte schon viel von ihrer Schlagkraft eingebüßt.

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