37. Brief (a) – 25. August 1942

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– 37a –

Rußland, den 25.8.42

Mein lieber guter Engel!

Heute jährt sich zum 4 Mal der Tag, an dem wir den Bund fürs Leben schloßen. Wie fast immer, so ist es uns heute wiederum nicht vergönnt, den Tag gemeinsam zu verleben. Wenn dem auch leider so ist, so habe ich seit gestern abend jede Stunde in Gedanken an mir vorbeiziehen lassen. Mit unserem Polterabend fing es an und mit unserer Reise nach Brunsbüttel hörte es auf. Dies waren neben den Stunden in Honnef unsere schönsten Stunden in unserer jungen Ehe. Den Bund, den wir damals schloßen, wollen wir, das wollen wir heute noch mal bekräftigen, ungetrübt bis zu unserem Lebensabend gemeinsam durchleben. Nächstes Jahr werden wir hoffentlich wieder zusammen sein.

Beiliegend findest Du den Einlieferungsschein für die überwiesenen RM 200,-. Sobald Du die Gutschriftsanzeige von der Reichsbank erhältst, vernichte den Schein und mache mir Mitteilung.

Dann findest Du noch einen Artikel aus dem Fremdenblatt über Päckchen-Zulassungsmarken. Sobald ich solche Marken bekomme, schicke ich sie Dir sofort.

Ein vernünftiges Brotmesser hast Du doch sicher schon zur Absendung gebracht. Mit meinem Messer kann man nämlich keine Scheibe Brot abschneiden.

Tagsüber haben wir hier immer eine Bullenhitze und nachts ist es sehr kühl. Alle haben hier Darmerkrankungen, auf gut deutsch die Scheißerei. Der Donnerbalken (Latrine) ist dauernd besetzt. Seit über 1 Monat habe ich diese nichtssagende Krankheit.

Gestern habe ich ein kleines Päckchen mit einem Stück Seife und eine Rolle Zwirn (Nr. 4715) an Dich geschickt. Die Rolle Zwirn ist mir durcheinander gekommen, sieh mal zu, daß Du sie wieder aufrollst. Die kannst Du doch sicher gut verwenden.

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Wie ist es nun mit den Fliegerangriffen, ich habe jetzt wieder Gelegenheit, Radio zu hören. Norddeutschland ist zwar des öfteren angegriffen worden, aber Hamburg selbst wurde nicht genannt. Hoffentlich passiert Euch nicht mal etwas. Teile mir doch mal bitte mit, ob Du auch genügend Hilfe hast, wenn Du mit unserem Nachwuchs in den Luftschutzkeller mußt.

Jetzt wird unser Kai mit seinen Kulleraugen schon das erste Mal seine liebe Mutti erkennen können. Du hast mir schon viel von ihm geschrieben, aber ich weiß immer noch nicht, wie schwer er bei der Geburt war und zu welcher Stunde er das Licht der Welt erblickt hat. Vermutlich hast Du mir das schon mitgeteilt, aber die alte Post ist noch nicht alle da.

Heidi wird sich sicher inzwischen an ihr Brüderchen gewöhnt haben. Wenn nicht, so muß sie es lernen. Laß uns uns nur befleißigen, beiden Kindern stets die gleiche Liebe entgegenzubringen. Die Seele eines Kindes ist zu sehr gekränkt, wenn es sich vernachlässigt glaubt. Es besteht nämlich jetzt die Gefahr, daß unser Kai zu sehr verwöhnt wird. Gerade bei einem Jungen darf das nicht sein.

Und nun wünsche ich Dir zu unserem Hochzeitstag nochmals alles Gute. Dir, unserer kleinen Heidi und unserem „Sohn“ die allerherzlichsten Grüße und Küsse,

Euer Vati

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