38. Brief – 27. August 1942

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– 38. Brief –

Rußland, den 27.8.42

Mein liebes Frauchen!

Es sind 2 Tage vorbei, da muß ich mal wieder schreiben. Gestern ist etwas Post gekommen, aber leider war von dir nichts dabei.

Jetzt sind wir in unmittelbarer Nähe eines Flußes, der im Wehrmachtsbericht jetzt viel genannt wird. Wir sind noch diesseits des Flußes, während unsere Batterien schon auf der anderen Seite des Flußes sind.

Bei Tage kreisen unsere Bomber und Stukas in rollendem Einsatz über uns her. Es geht ebenfalls um eine wichtige im Wehrmachtsbericht dauernd genannte Stadt.

Heute nacht war über uns allerlei los. Der Russe versucht, die Brückenköpfe zu zerstören. Dabei sind auch einige Bomben in unserer Nähe runtergekommen, haben aber keinen Schaden angerichtet.

Wir liegen fabelhaft getarnt in einem kleinen Wäldchen. Wir sind fast die ganze Nacht nicht aus unseren Deckungslöchern heraus gekommen. Nunmehr haben wir unser Zelt ganz in die Erde eingebuddelt, um nachts durchgrunzen zu können.

Hier wird es für die Jahreszeit sehr früh dunkel. Um ½ 7 ist schon stockfinstere Nacht. Um 8 Uhr sind aber die Russkis schon da. Wir werden jetzt sicher jeden Tag mit ihrem Besuch rechnen müssen.

Um mich brauchst Du keine Sorgen zu haben, ich bin ein Glückspilz und habe meinen Schutzengel.

Inzwischen haben wir unseren Rastort gewechselt. Wir sind in einem kleinen Wäldchen und soweit das Auge blickt, ist Steppe. Um Wasser müssen wir erst einige 100 Meter laufen. Aber leider hat es so den Anschein, daß wir hier längere Zeit liegen bleiben werden.

Die Verpflegung ist auch weiterhin sehr gut, mir fehlen nur die Rauchwaren. Die kannst Du immer schicken.

Was macht unsere Heidi und unser Kai? Vermissen die beiden ihren Vati überhaupt?

Für heute die allerherzlichsten Grüße und 1000 Küsse an Euch 3,

Euer Vati

Ebenfalls herzliche grüße an Deine Eltern.

2 Gedanken zu “38. Brief – 27. August 1942

  1. Mit unserem Wissen um den tragischen Ausgang ist es umso erschütternder, mit welcher Zuversicht und Arglosigkeit diese Männer in ihr Unglück gegangen sind, und vor allem ohne jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit an diesem Einsatz. Danke für diese Veröffentlichung, auch unsere Familie vermißt einen Onkel in Stalingrad, hat also auch eine persönliche Aktualität.

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  2. Die von Grete Fechter angesprochen Zuversicht war meinem Großvater zu Folge oftmals der einzige Rückhalt, ein Zweckoptimismus als einzige Chance auf Hoffnung. Die Hoffnung heil oder zumindest lebend heim zu seinen Lieben kehren zu können.

    Die Arglosigkeit und auch der mangelnde Zweifel an der Rechtmäßigkeit waren nicht nur den fehlenden Informationsmöglichkeiten geschuldet. Es war auch ein resignatives Ergebnis aus der eigenen Ohnmacht. Omnipräsente Repressalien, die permanente Angst um das eigene Leben und jenes der einem Lieben sowie fehlende Perspektiven haben viele den Alltag nur mehr in einem dunkelgrauen Nebelschleier wahrnehmen lassen. Ein reines Überleben. Kein Leben.

    Viele dieser Briefe (diese herrlichen Zeitdokumente) und jedes mit meinem leider bereits verstorbenen Großvater geführte Gespräch führt mir vor’s Auge, wie dankbar wir sein sollten, in einer Zeit wie der diesigen leben zu dürfen. Und zugleich lässt es meine Hochachtung vor jenen Menschen der damaligen Zeit wachsen, die trotz all der widrigen Umstände Ihre Werterhaltung und Menschlichkeit bewahren konnten. Und derer gab es viele. Mehr als nur die prominenten Beispiele. Diese Charakterstärke müssen wir uns immer wieder zum Vorbild nehmen.

    Danke für die Veröffentlichung dieser sehr persönlichen Dokumente.

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