42. Brief – 4. September 1942

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(Anm. zur neuen Nummerierung s.u.)

– 1 –

Russland, den 4. September 1942

Mein liebes Frauchen!

Gerade hatte ich gestern meinen Brief Nr. 41 vom 3.9.42 abgegeben, als kurz darauf ein Lastauto mit einer Unmenge Post ankam. Ich hatte Dir in meinem letzten Brief schon geschrieben, dass mir ein Kamerad gesagt hatte, dass für mich eine Menge Post dabei sei. Es war hauptsächlich die alte Post, die eingetrudelt ist. Es waren die

B r i e f e :
Nr. 19 vom 7.7.42
Nr. 20 vom 8.7.42
Nr. 21 vom 9.7.42
Nr. 26 vom 26.7.42
Nr. 34 vom 13.8.42
– inliegend ein Brief von Ludsche v. 19.7.42
– und noch ein Brief von Ludsche v. 9.8.42
Nr. 37 vom 18.8.42
– inliegend eine Karte von Ernst-Otto.

Von den Päckchen, die eingetrudelt sind, füge ich Dir die Begleitmittel bei. Da kannst du am besten draus ersehen, was ich erhalten habe. Außerdem erhielt ich

1 Brief von Dr. Schmidt
1 Landkarte von Russland von Dr. Schmidt
1 Karte von Frau Dr. Schmidt
1 Karte von Deinen Eltern
1 Brief von Ludsche
1 Brief von Frau Goers
1 Brief von Frau Schade und
1 Karte von Frau Schade

Dann erhielt ich noch ein Päckchen, dem kein Zettel beilag. Es enthielt folgende Sachen:

2 Schachteln 10-er Türmac-Zigaretten und
1 25-er Packung F 58 Filterzigaretten.

Du kannst Dir vorstellen, welche Freude ich hatte, als ich diese ganze Post erhielt. Nun sind noch 2 weitere Lastautos weg, um noch mehr Post zu holen. Da wird bestimmt wieder etwas für mich dabei sein. So viel wie diesmal kann es natürlich nicht sein.

Jetzt habe ich alle Briefe bis Nr. 37 erhalten. Dazwischen fehlen allerdings die Nummern 14, 15, 22, 35, 36. Die Päckchen habe ich bis Br. 22 erhalten mit Ausnahme der Nummern 7, 9 und 10. Gestern war auch noch ein Päckchen mit einem Datumstempel ohne Nr. dabei. Ich vermute aber trotzdem, dass ich alle Päckchen (auch 7, 9 und 10) erhalten habe, da ich jetzt mindestens 3 Päckchen ohne Zettel und Nummern erhalten habe.

Um für die Folge eine noch bessere Kontrolle, besonders für die Päckchen zu haben, lege ich Dir Zettel für Päckchen bei, die Du ausfüllen und jedem Päckchen beilegst. Ich habe sie Dir schon fortlaufend numeriert und zwar wieder mit 1 beginnend. Vergesse nach Möglichkeit nicht, jedem Päckchen einen Zettel beizulegen. Notiere Du Dir immer in einem Buch, welches Datum, welchen Inhalt das Päckchen Nr. soundso hatte. Ich werde Dir die Begleitzettel dann immer zurückschicken, damit du weisst, was ich erhalten habe.

Wenn Du allerdings ein Kilo-Päckchen schickst, muss Du schon einen grösseren Zettel mit der Hand schreiben. Beginne die Numerierung der grossen Päckchen mit der Nr. 4711, 4712, 4713 und so fort. Was Du schon weggeschickt hast, brauchst Du nicht mehr zu numerieren. (s. Anm. 2 und 3)

Fange auch bei den Briefen wieder mit 1 an. (s. Anm. 1)

Es ist zwar eine kleine Mehrarbeit für Dich in der Bearbeitung der Post, aber es geht so viel Post verloren und da muss man schon immer eine kleine Kontrolle haben. Du teilst mir des öfteren mit, dass Du meinen Brief Nr. 26 z.B. erhalten hättest, teile mir auch immer das Datum mit.

Sehr vermisse ich die Bestätigung, dass das Paket, das ich am 16.6.42 von Bobruisk an Dich sandte, eingetroffen ist. (s. Anm. 4) Es enthielt folgende Sachen:

1 weissen Leinensack,
1 Nachthemd,
2 Russenunterhosen,
1 Arztmantel (weiss)
1 kl. Beutel mit Taschentüchern, Nähgarn, 1 Amperemeter und 1 Voltmeter.

Wenn das Paket inzwischen eingetroffen sein sollte, teile es mir bitte mit.

Was sagst Du nun zu dem Brief von Frau Goers? Ich kann ja nicht glauben, dass das, was der Kompaniechef Frau Goers mitgeteilt hat, stimmt. Das hat er ihr nur zur Beruhigung geschrieben. Wiederum kann es doch der Fall sein. Ich lese so oft in den Heeresverordnungsblätter, dass die Personalien von Soldaten, die das Erinnerungsvermögen verloren haben und ins Lazarett eingeliefert wurden, gesucht werden. Wenn er einen Granatsplitter im Hinterkopf hat, ist es gut möglich, dass dies bei ihm auch der Fall ist. Meistens sind die Soldaten dann noch abgebildet. Vielfach wird auch die Erkennungsmarke, die jeder Soldat auf der Brust tragen muss, in der Tasche getragen und geht dabei verloren. Dann ist die Identifizierung in den meisten Fällen unmöglich. Ich möchte jedenfalls Frau Goers gönnen, dass sie ihren Mann wieder bekommt.

Dr. Schmidt habe ich gestern Unrecht getan, als ich Dir schrieb, dass ich noch keine Post von ihm erhalten habe. Gestern abend kam die Landkarte von Russland, ein Brief von ihm und eine Karte von seiner Frau an. Ich werde ihm heute noch schreiben. Ebenso werde ich Tante Emmi, die meine Anschrift wissen will, Frau Schade, Ernst-Otto und Ludsche schreiben. Den Brief an Ludsche füge ich Dir bei, da sich seine Anschrift inzwischen geändert haben wird. Ergänze die Anschrift und schicke ihm den Brief an seine neue Anschrift.

Heute habe ich eine Menge Zeit zum Briefeschreiben, da unser Spies nach vorne gefahren ist und ich die Schreibmaschine ganz allein zu meiner Verfügung habe.

Was Du mir da von Käthe schreibst, ist doch allerlei. Schade, dass ich nicht zu Hause bin. Ich würde der schon den Marsch blasen. Du hast den Fehler gemacht, dass Du sie nicht wenigstens alle 14 Tage sonntags kommen liess(t). Wenn Du noch in Hamburg bist, so verlange, dass sie jetzt sonntags immer kommt. Drohe ihr, dass Du sonst sofort dem Arbeitsamt Mitteilung machen würdest. Du darfst Dich von so einer Kröte nur nicht um den Finger wickeln lassen. Wenn Du ihr mittags eine Stunde Mittagspause gibst, genügt (das) vollkommen, um zu Hause essen zu gehen. Was Du ihr nun für die Beköstigung ausserhalb des Hauses mehr zahlst, kann ich Dir nicht sagen. Am besten rufst Du dieserhalb mal das Arbeitsamt am Eppendorfer-Marktplatz an. Die Nummer und das Fräulein, die die Sachen bearbeitet, kann Dir Frau Dr. Schmidt sagen. Bei der Bezahlung muss ja auch immer berücksichtigt werden, dass sie nicht den ganzen Tag bei Dir beschäftigt ist. Eigentlich müsste sie ja bis 7 Uhr abends da bleiben. Wenn ich da wäre, würde ich das schon schnell in Ordnung bringen.

Jetzt weiss ich auch endlich, wie schwer unser Kai bei der Geburt war. Dr. Schmidt teilte mir mit, dass es ein 7-Pfünder war. Es freut mich, dass er schon über 8 Pfund nunmehr wiegt. Nähre ihn nur nicht zu lange, damit Du keinen Schaden erleidest. Der kleine Gerhard Deckers ist bei Mehlbrei auch ziemlich kräftig geworden.

Die Geburtsanzeigen sind sehr nett geworden. Ich schicke sie dir hier wieder, da sie hier zu leicht verschmutzen. Ich finde es sonderbar, dass Dr. Schmidt etwas von Deinen Eltern für seine Sekretärin haben will. Du muss da nur vorsichtig sein, um nicht noch Deinen Eltern Unannehmlichkeiten letzten Endes zu machen. Dämme dies überhaupt so viel wie möglich ein. Die Glückwünsche zur Geburt habe ich alle gelesen. Ich schicke sie Dir ebenfalls zurück, hebe sie aber gut auf. Sehr nett fand ich die Glückwünsche von. Frl. Huber aus Freiburg.

Ich bin froh, dass ich nicht mit dem Kurt Schramm in einer Batterie bin. Augenblicklich sind wir ja alle zusammen, da die Trosse aller Batterien zu einer Abteilung vereinigt sind. Es ist mir schon zu viel, wenn er mich aufsucht. Der kann nichts anderes als klagen und immer das alte Lied, seine Nierengeschichte. Ich glaube, dass das halb so wild ist. Diesertage erzählt er mir, dass er wahrscheinlich nach vorne käme. Dass er nicht bei mir geheult hat, war alles. Er erzählte mir, dass sein Oberleutnant ihm gesagt habe, dass er ihn nicht vorne gebrauchen könnte, da er zuviel kränkelt. Es hat sich inzwischen nicht bewahrheitet, dass er nach vorne soll. Man hat sich scheinbar nur einen Witz mit ihm erlaubt. Er beneidet mich in einer Tour, dass ich Rechnungsführer bin. Er möchte so gern Batterieschneider werden. Jedenfalls finde ich ihn unausstehlich und lästig.

Die grossen Fotos von Kau und Dir sende ich Dir beifolgend auch. Ich möchte nicht, dass sie verschmutzen. Hebe sie aber gut auf.

Dass die Sicherung in der Küchenleitung immer durchbrennt, ist bedauerlich. Die von mir gelegte Leitung läuft von der Lampe in der Toilette hoch in die rechte obere Ecke und dann in die Küche. In der Küche läuft sie oberhalb der früheren Wäscheleiste bis zu den beiden Radiosteckdosen senkrecht runter. Von dort schräg hoch zum Türrahmen der Speisekammer (ist hinter dem Rahmen gelegt) und dann wieder schräg herunter zu den beiden Radiosteckdosen über dem Ofen rechts. Von hier habe ich sie wagerecht zu der Lampe über den Spülstein gelegt und dann ins Badezimmer zu dem Steckkontakt und dann zu der Badezimmerlampe.

Ich vermute ja, dass der Kurzschluss an der Lampe über dem Spülstein in der Küche hat. Dort ist mir seinerzeit die Sicherung oft durchgeschlagen. Innerhalb der Leitung kann es nicht sein, da dies alles dickes Kabel ist. Ich glaube, wenn die Leitung an der betreffenden Lampe etwas nachisoliert wird, ist der Schaden behoben. Sage das Dr. Schmidt mal. Sonst muss irgend ein Anschluss an der Steckdose oder Lampe nicht in Ordnung sein. Ich fehle Dir mal wieder, dann wäre der Schaden schnell behoben. Du brauchst diesen Brief nicht Dr. Schmidt zu zeigen. Ich werde ihm diesen Absatz in dem Brief, den ich ihm heute schreiben werde, auch noch schreiben, Er wird dann schon den Schaden beheben. Bestelle nur keinen Installateur, da das eigenmächtige Legen von elektrischen Leitungen strafbar ist.

Teile mir auch mal bitte mit, ob Du das Radio aus Berlin bekommen hast und ob er wieder gut spielt. Du hattest mir bei meinem Pfingsturlaub erzählt, dass er noch auf der Post wäre.

So mein lieber guter Engel, jetzt weiss ich nichts mehr und Du hast wieder viel Stoff zum Schreiben, wenn Du die Fragen, die ich angeschnitten habe, alle beantworten willst. Aber ich schreibe Dir ja fleissig. Mindestens alle 2 Tage ist ein Brief an Dich fällig.

Betreue meine Sprösslinge weiter gut und grüsse und küsse sie recht herzlich von mir. Dir besonders recht herzliche Grüsse und viele 1000 Küsse

Euer Vati

N.B. Den Brief von Ludsche, den Du beiliegend findest, bitte ich wegen des Inhalts (Lisbeth) unter allen Umständen für Dich zu behalten. Drücke auf allen beiliegenden Päckchen Zettel, wie auf Zettel Nr.1 auf der Rückseite angegeben, unseren „Firmenstempel“.

 Euer V a t i !

 


  • Anm. 1: Ab diesem Brief beginnt er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser die Nr. 1 trägt. Wir werden daher ab heute eine eigene fortlaufende Nummerierung einführen, weshalb anschließend an den letzten Brief dieser der 42. Brief ist.
  • Anm. 2. Dieser Brief wurde, wie auch im Brief erwähnt, auf Schreibmaschine geschrieben. Daher rührt die geänderte Rechtschreibung. Wir korrigieren in unserer Abschrift nur offensichtliche Rechtschreibfehler (s.u.). Den Brief als Original finden Sie in unserem Blog:
  • Anm. 3: Die Nummerierung der großen Päckchen beginnt er mit der Nr. 4711. Hierin scheint sich eine kleine Sentimentalität seiner ursprünglichen Heimatstadt Köln auszudrücken – zumindest dessen „Wasser“ betreffend…
  •  Anm. 4: Statt „Bobruisk“ schreibt er im Original – unserer Ansicht nach fälschlich – „Brobuisk“. Heutige Schreibweise ist „Babrujsk“.

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