53. Brief – 30. September 1942

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– 53. Brief –

Rußland, den 30.9.42

Meine seute Deern!

Wie Du aus beiliegender Abschrift ersiehst, habe ich etwas unternommen, um Euch in einer ruhigen Gegend unterzubringen. Ein Kamerad, mit dem ich als Fernsprecher zusammen bin, hat mir diese Anschrift gegeben. Das ist ein peinlich sauberer Bauernhof in der Heide, wo Du besonders gute Verpflegung haben sollst. Nach Angaben des Kameraden würde dies im Monat ca. 120,- kosten, höchstens 150,-. Wenn du von den Leuten angerufen wirst, mußt du mal sehen, wie Du Dich mit den Leuten vereinbarst.

Es drückte mich schon lange, daß Du noch immer in Hamburg bist. Du schreibst mir immer, daß Du noch mal abwarten wolltest. Aber Du wartest sonst zu lange ab, bis es auf einmal zu spät ist. Und diese Sorge möchte ich nun mal los sein.

Wenn Dir mein Vorschlag nicht behagen sollte, so kannst Du den Leuten, wenn sie anrufen, ja sagen, daß Du schon anderweitig Unterkunft gefunden hättest. Aber ich hoffe, daß Du auch damit einverstanden bist.

Milch, Butter und Eier soll es dort genügend geben und das ist schließlich für Euch die Hauptsache. Zögere nicht lange, packe Deine Sachen und fahre mit den Kindern los. Die Familie wohnt 20 km von Celle, die Frau ist auch Hamburgerin. Also ich hoffe, daß es etwas wird.

Wenn Du umsiedelst, teile mir Deine Anschrift sofort durch Luftfeldpost mit. In meinem nächsten Brief werde ich Dir mitteilen, welche Ummeldungen Du alle machen mußt. Wenn Du willst, kannst Du die Leute auch anrufen. Du brauchst nur die volle Anschrift anzugeben. Sie lautet: Familie Heinr. Timme, Salzmoor b/ Bergen, Celle-Land (Hannover). Die Tel.-Nr. weiß der Kamerad nicht. Teile mir bitte gleich mit, was Du von meinem Vorschlag hältst.

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Wie ich gehört habe, sollen jetzt die Frauen keine Raucherkarten mehr bekommen. Das ist aber bitter, dann kannst du mir ja keine Zigaretten mehr schicken. vielleicht kannst Du mir trotzdem welche organisieren. Du kannst mir auch Tabak (Feinschnitt) schicken, dann kann ich mir selbst welche drehen. Wir bekommen hier manchmal nur 3 Zigaretten für 2 Tage. Du kannst dir vorstellen, wie schnell ich die geraucht habe.

Sieh doch mal bitte zu, ob Du jetzt schon einen Kalender für 1943 in Taschengröße (kleines Heft) bekommen kannst. Ich möchte dann ein bißchen Tagebuch führen.

Stalingrad ist nun in unserem Besitz. Nur um die umliegenden Ortschaften wird noch gekämpft. Von der Höhe können wir Stalingrad lichterloh brennen sehen. Aber ich habe den Eindruck, daß wir trotzdem nicht richtig vorwärts kommen. Im mittleren Abschnitt hört man immer nur von Abwehrkämpfen. Orte, die wir voriges Jahr schon genommen hatten, haben wir dieses Jahr noch nicht zurückerobert. Jetzt erzählt man, das wir nach dem Fall von Stalingrad bereits Winterquartier beziehen würden. Mit Frankreich scheint es nichts zu werden.

Grüße Heidi und Kai recht herzlich von mir. Dir ebenfalls die herzlichsten Grüße und Küsse

Euer Vati

Viele Grüße an Deine Eltern.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser im Original die Nr. 11 trägt. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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