61. Brief – 12. Oktober 1942

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Rußland, den 12. Okt. 42

Mein liebes Frauchen!

Gestern erreichte mich Dein Brief Nr. 49 vom 20.9.42, wofür Du herzlich bedankt sein sollst.

Gestern haben wir wieder 2 Luftfeldpostmarken und 2 Päckchenmarken erhalten. Die Luftfeldpostmarken habe ich gegen 1 Päckchenmarke getauscht. So bin ich jetzt in der Lage, Dir beifolgend 4 Päckchenmarken zu senden. In den nächsten 14 Tagen werden wir wieder 2 Luftfeldpostmarken bekommen. Ich werde dann wieder versuchen, diese gegen Päckchenmarken zu tauschen. Mir sind die Päckchen lieber als die Luftfeldpostmarken. Entgegen einem meiner letzten Briefe bitte ich Dich deshalb, mit den Luftfeldpostmarken sparsam umzugehen und sie nur zu verwenden, wenn Du mir eine dringende Nachricht übermitteln willst. Es ist natürlich eine Ausnahme, daß ein Luftpostbrief von der Heimat bis hier nur 6 Tage läuft. Gewöhnlich dauert es länger. Ich denke an die Luftpostkarte, mit der mir Deine Eltern die Nachricht von Kais Geburt übermittelten.

Gestern übersandte mir Mausi die bereits angekündigten Briefumschläge, es waren 50 Stück. Nun kann ich Dir wieder tüchtig Briefe schreiben.

An Familie Schade habe ich vorgestern auch geschrieben und mich gleichzeitig für die Besorgung der Pension in Scharbeutz bedankt.

Hier ist zurzeit wieder das herrlichste Sommerwetter, die kühlen Tage sind vorbei. Hoffentlich habt Ihr auch noch schönes Wetter und könnt Euch dort gut erholen. Deine Mutter schrieb mir, daß Heidi und Kai die Seeluft sehr gut bekäme. Nur du hast Dich ein paar Tage elend gefühlt. Hoffentlich bist Du jetzt wieder auf dem Damm und erfreust Dich bester Gesundheit.

Du glaubst garnicht, was wir jetzt mit den Läusen zu tun haben. Jeden Tag knacke ich ca. 10 Stück. Ein Kamerad hat dieser Tage 70 Stück an einem Tag geknackt. Man wundert sich nur, wo dieses Viehzeug auf einmal alle herkommt. Sehr vermisse ich den Läusekamm, den ich seinerzeit mal angefordert hatte. Der muß in dem kleinen Badezimmerschränkchen in irgendeinem Fach liegen. Wenn er noch nicht abgesandt ist, so schreibe Deiner Mutter dieserhalb sofort.

Die Päckchenmarken schickst Du am besten Deiner Mutter, da sie mir jetzt die Pakete schicken wird. Von dort hast Du doch keine Möglichkeit. Teile Deiner Mutter auch mit, daß man auch 4 Pfd.-Päckchen mit 2 Päckchenmarken und 40 Pfg. Frankierung schicken kann. (Schmalz schicken)

Der Sacharin von Dr. Schmidt ist nunmehr auch eingetrudelt. Da Du mich so gut mit Puddingpulver versorgt hast, habe ich mir heute mal einen schönen Pudding gemacht. Ich wollte erst warten, bis ich Milch habe, aber er ist mit Wasser auch ganz gut geworden. Etwas Süßes habe ich immer gern gegessen.

In den letzten Tagen haben wir hier besonders gut gelebt. Dreimal haben wir einen über den anderen Tag je 2 Rollen Schokolade und ½ l Wein bekommen. In Bezug auf Verpflegung sind wir bestimmt gut versorgt. Wenn man dann mal ein paar Makronen oder sonst etwas geschickt bekommt, freut man sich besonders. Beim Kommiß dreht sich eben alles um das Fressen.

Wenn Dir der Benzinkocher, den ich vor etwa 2 Monaten bei einer Dresdner Firma bestellte, zugesandt werden sollte, so schicke ihn mir im nächsten 2 Pfd.-Päckchen zu. Wenn die Firma die Rechnung mit beifügt, so überweise den Betrag sofort. Sonst mache ich das von hier.

Wegen meines Urlaubs, glaube ich, machst Du Dir etwas zu große Hoffnungen. Mache Dir mal vorerst keine, sondern laße Dich überraschen. Dann ist die Freude um so größer. So etwas kann sehr plötzlich kommen. Vorerst kommen erst die alten dran, die den letzten Winter hier mitgemacht haben. Wenn ich mal endgültigen Bescheid und den Termin erfahren sollte, werde ich Dir sofort einen Luftpostbrief schicken. Sobald ich dann im Reichsgebiet bin, würde ich ein Telegramm schicken oder noch besser anrufen. Laße Dir für diesen Zweck mal auf dem dortigen Postamt 2-3 Telegrammvordrucke geben und schicke sie mir zu.

Dann teile mir auch mal die Telefonnummer von der Pension mit, wo Du augenblicklich bist. Das könntest Du eigentlich immer machen, damit ich weiß, wo ich Dich für einen solchen Fall schnell erreichen kann. Ich möchte aber auf keinen Fall, daß Du Dir jetzt schon Gedanken machst, ob Du für einen solchen Fall Deine Pension aufgibst. Ich komme dahin, wo Du gerade bist. Bleibe du mal schön da mit den Kindern, wo Du Dich wohlfühlst und vor den Fliegern sicher bist.

Es freut mich, daß Deine Eltern so rührend um Euch besorgt sind. Man muß es Deiner Mutter hoch anrechnen, daß sie Dich nach Scharbeutz gebracht hat und Dich auch sofort wieder besucht hat, als Du krank warst. Ich habe in den letzten Tagen nochmals an Deine Eltern geschrieben und werde es auch für die Folge tun.

Nun mache ich Schluß, mein Wissen ist allmählich durch das viele Briefschreiben erschöpft. Verlebet noch schöne Tage an der Ostsee und seid vielmals gegrüßt und geküsst von

Eurem Vati.

Anbei die 4 Päckchenmarken.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser im Original die Nr. 19 trägt. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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