Schlacht um das Traktorenwerk (14.-18.10.1942)

– ZUR AKTUELLEN LAGE (vor 75 Jahren) –

Die letzte Großoffensive auf Stalingrad – und ihr Scheitern

„…Am 14. Oktober beginnt ein sorgfältig vorbereitetes Unternehmen, ein Großangriff mehrere deutscher Divisionen (…) auf das Traktorenwerk Dscherschinski, an dessen Ostrand der Gefechtsstand der 62. Armee (Gen. Tschuikow) liegt. Von allen Frontabschnitten der 6. Armee (…) zieht man Verstärkungen zusammen. (…) Der ganze VIII. Fliegerkorps unterstützt den Angriff, der zur Eroberung Stalingrads der allerletzte sein soll.

Im Morgengrauen des 14. Oktobers gehen Artilleriefeuer und Bombenhagel auf sowjetische Stellungen am Traktorenwerk nieder. Und um 8 Uhr tritt die 14. Panzerdivision zum Angriff an. (…) Gegen Abend durchbricht die Infanterie die sowjetischen Stellungen, dringt dann bei Nacht in das Werksgelände ein, erreicht das Wolgaufer und spaltete damit die 62. Armee in zwei Teile.

Der Kampf um dieses Industrieviertel gehört zu den erbittertsten Gefechten der ganzen Schlacht: ‚Wir hatten schon viel in Stalingrad erlebt, aber diesen Angriff der Faschisten werden wir nie vergessen‘, so General Tschuikow. ‚Wir hatten wohl die Absicht der deutschen Führung richtig erkannt, aber nicht mit einem derart mächtigen Schlag gerechnet.‘

Dieser 14. Oktober ist für die Sowjets wohl der kritischste Tag. Doch schon drei Tage später spüren sie, dass die Deutschen nicht mehr imstande sind, einen solchen Schlag zu wiederholen. Vor diesem allerletzten deutschen Angriff ist der von der 62. Armee gehaltene Hauptbrückenkopf zwischen der Wolga und dem Dscherschinski-Werk etwa 3000 Meter breit. Und Tschuikow ist der Meinung, hätten die Deutschen ihren Angriff richtig vorbereitet, wäre ihnen der Durchbruch in eineinhalb oder zwei Stunden gelungen.

An diesem Abend ist nur noch ein Brückenkopf der Traktorenfabrik in sowjetischen Händen. Am Mittwoch, dem 14. Oktober, steht die 62. Armee unmittelbar vor ihrer Vernichtung (…).

Am Donnerstag (…) fallen nochmals Tausende von Bomben auf sowjetische Stellungen, und die deutschen Panzergrenadiere versuchen bis zum Gefechtsstand der 62. Armee durchzubrechen. Die Divisionsstreifen der Deutschen haben hier eine Breite von etwa 1000 Metern, und die Kampfstärke der verblutenden Kompanien betragen nur noch 10 bis 30 Mann. Hinter dem sogenannten Niemandsland – manchmal eine dünne Ziegelmauer – verläuft die Front oft mitten durch die Häuserblocks, und der Kampf spielt sich dann in den Kellern und einzelnen Etagen ab. Die Eroberung der Trümmer einer kleinen Werkshalle wird zum Tagesziel und gleicht einem gewonnenen Gefecht. Doch die 6. Armee hat an diesem Nachmittag kein frisches Bataillon mehr, um die letzten 300 Meter, die sie noch von Tschuikows Gefechtsstand trennen, zu überwinden.

Der Kommandeur einer der Einheiten der 305. Infanteriedivision, Major Emendörfer, berichtet, dass in den ersten drei Kampftagen im Industrieviertel von den 8 Offizieren seines Bataillons 6 in dem Fabrikgelände ausgefallen seien.

Die sowjetischen Verluste sind ebenfalls entsetzlich. In zweitägigen Kämpfen verloren die Truppen dort 75 Prozent ihrer Stärke.

Zunächst ist der Angriff erfolgreich. Bis zum 15. Oktober wird der größte Teil des Industrieviertels mit dem Traktorenwerk erobert. Und am Sonnabend, dem 17. Oktober, ist beinahe das ganze Werk Krasnya Barrikady in deutscher Hand. An diesem Tag läuft sich aber der deutsche Angriff in Einzelkämpfen fest. Unterirdische Gänge, die einzelne Teile der großen Werke miteinander verbinden und mit denen die Sowjets gut vertraut sind, ermöglichen es ihnen immer wieder überraschend im Rücken der deutschen Truppen aufzutauchen und zuzuschlagen.

In diesen Kämpfen schwindet die Kraft der deutschen Divisionen dahin, die seit vier Monaten in ununterbrochenem Einsatz stehen. Etwa ab dem 17. Oktober verstärken die sowjetischen Luftstreitkräfte ihre Tages- und Nachtangriffe so bedeutend, dass die deutschen Jagdflieger ihre ‚unangetastete nächtliche Luftherrschaft‘ zusehends verlieren. (…)

Besonders gefährlich ist der archaisch anmutende Doppeldecker Polikarpow Po-2, (…) von den Deutschen Nähmaschine und und Rollbahnkrähe genannt. Dieser Apparat, Baujahr 1928 (…), ist für die deutschen Landser eine wahre Plage, der ihnen die nächtliche Ruhe raubt. Er steuert bei Nacht seine Ziele mit ausgeschaltetem Motor an, und erst die Bombenexplosion signalisiert seine Anwesenheit. (…)

Bei ihren Gegenangriffen während der Straßenkämpfe verzichten die Sowjets auf den Einsatz der Truppen in größeren Einheiten. Bei den Regimentern der 62. und 64. Armee entstehen sogenannte Stalingrader Sturmgruppen: kleine, schlagkräftige Trupps.

Die Kämpfe (…) sind die Geburtsstunde einer richtigen ‚Scharfschützenbewegung‘. Ihr Initiator: Unterfeldwebel W. G. Saizew, ein passionierte Jäger in Sibirien. Seine Idee findet das besondere Interesse der 62. und 64. Armee, und hat in (Stalingrader Politkommissar, Anm. d. Red.) N. S. Chruschtschow einen energischen Förderer.

(…) Der Kampf um das Traktorenwerk geht ununterbrochen bis zum 18. Oktober weiter. Den Deutschen gelingt es jedoch nicht, das Industrieviertel restlos zu erobern und die im Norden der Stadt kämpfenden Teile der 62. Armee zu zerschlagen, von drei Seiten eingekreist, mit dem Rücken zur Wolga, werden sie ihre Stellungen bis zum Schluss halten…“

(Quelle: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz)

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