62. Brief – 17. Oktober 1942

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Rußland, den 17.10.42

Mein liebes Frauchen!

5 Tage sind verstrichen, seit ich Dir das letzte Mal geschrieben habe. Aber diesmal hatte ich wirklich keine Zeit dazu. Wie Du aus den Wehrmachtsberichten gehört haben wirst, sind zurzeit heftige Kämpfe um die Vorstädte von Stalingrad im Gange. Vor 3 Tagen wurden alle Waffengattungen zur Einnahme dieser Vorstädte eingesetzt. So auch wir. Wir hatten unsere Feuerstellung auf einer günstigen Höhe, von wo wir fabelhaft die Wolga und das brennende und rauchende Stalingrad beobachten konnten.

Hochinteressant war, wie unsere Stukas in wirklich pausenlosem Einsatz ihre Bombenlast abluden. Da konnte man in der Tat von einem rollenden Einsatz sprechen. Dazwischen erschienen unsere schweren Zerstörer und luden ebenfalls die Bombenlast ab. Sobald sich ein oder mehrere russische Flugzeuge sehen ließen, waren unsere Jäger da und vertrieben sie. Wir hatten kein einziges Mal Gelegenheit, ein deutsches Flugzeug abstürzen zu sehen.

Zwischen diesen Bombenregen pelzten die Artillerie und unsere Werfer. Es war von unserer Höhe prima zu sehen, wo unsere Truppen in die befohlenen Ziele eindrangen. Ich habe von diesem Einsatz und von dem brennenden Stalingrad interessante Aufnahmen gemacht.

Du wirst nun denken, daß Dein Vati sehr in Gefahr war. Das geht schon aus der Tatsache hervor, daß wir keinerlei Verluste in unserer Batterie hatten. Meine Tätigkeit bestand darin, daß ich in der Feuerstellung die Feuerkommandos am Fernsprecher aufnahm und weitergab, eine völlig gefahrlose Tätigkeit. Den anderen Tag wurde ich abgelöst und war in Bereitschaft in der Fahrzeugstellung für eventuelle Störungssuche.

Heute habe ich etwas Zeit, ich will deshalb die Gelegenheit benützen, Dir einen langen Brief zu schreiben. Wenn ich jetzt nicht alle 3 – 4 Tage schreibe, brauchst Du Dir nicht die geringsten Sorgen zu machen. Deinem Papa passiert nichts, er hat seinen Schutzengel.

Inzwischen ist auch eine Menge Post von Dir eingetrudelt. Es sind die Briefe

Nr. 48 vom 18.9.42
Nr. 50 vom 21.9.42
Nr. 51 vom 23.9.42
Nr. 52 vom 27.9.42

und die Päckchen

Nr. 45 vom 5.9.42
Nr. 46 vom 5.9.42
Nr. 51 vom 13.9.42
Nr. 52 vom 12.9.42

Die Briefe und Päckchenzettel findest Du beiliegend. Außerdem erhielt ich noch einen Brief von Dr. Schmidt und Ernst-Otto. Sollte ich heute noch Zeit haben, diese beiden Briefe zu beantworten, so werde ich sie Dir auch beilegen. Ich bin immer froh, wenn ich alle Post beantwortet habe und die Briefe als unnötigen Ballast los bin.

Nun will ich im einzelnen auf Deine Briefe eingehen. Für die Päckchen Puddingpulver meinen allerherzlichsten Dank. Wie ich Dir schon schrieb, kannst Du jetzt die Sendungen mit Puddingpulver eine Zeitlang einstellen. 2 – 3 Päckchen im Monat genügt vollkommen.

Warum machst du Dir denn jetzt schon Gedanken, ob Du wieder nach Hamburg fahren sollst. Du bist doch gerade aus Hamburg weg und willst jetzt schon wieder in diesen Hexenkessel. Was das kostet, spielt durchaus keine Rolle.

In Bezug auf Haushaltsführung mache ich durchaus keine Vorschriften. Du weiß, was ich verdiene und wie viel Ersparnisse wir haben, da mußt Du dann eben mit auskommen. Wenn wir diesen Krieg gesund überstehen, fangen wir mit Sparen wieder an.

Das Sparen für unsere Kinder darf allerdings keine Unterbrechung erleiden. Du kannst ja Deiner Mutter die Sparbücher geben, damit sie monatlich RM 10,- auf jedes Buch einzahlt. Oder Du kannst auch bei der Sparkasse, die dort am Ort ist, die RM 20,- einzahlen für Hamburger Sparkasse von 1827. Dann mußt du allerdings angeben, welchem Konto (je 10,-) diese Beträge gutgeschrieben werden müssen. Die Abschrift hebst Du Dir dann auf und läßt sie Dir gegen Vorlage der Sparkassenbücher, wenn Du mal in Hamburg bist, gutschreiben.

Heinrich Hinselmann habe ich heute mal fotografiert. Beim nächsten Film, den ich Dir schicke, ist ein Bild von ihm dabei. Die anderen Fotos habe ich noch nicht erhalten. Du hast sie doch inzwischen abgesandt. Prof. Hinselmann kannst Du ausrichten, daß es seinem Sohn sehr gut geht, er ist nur etwas schreibfaul. In Rußland hat er ziemlich blonde Haare bekommen.

Du scheinst Dich zu sehr mit Urlaubsgedanken zu plagen. Also es wird bestimmt noch 2 Monate dauern. Vielleicht wird es etwas zu Weihnachten. Wie ich halbamtlich gehört habe, soll bis zum 15. Januar die gesamte Batterie auf Urlaub gewesen sein. Das ist vorerst mal nur immerhin Trost. Also, mein liebes Frauchen, mache Dir keine Urlaubspläne, sondern laße Dich überraschen. Wenn Du ein Telegramm bekommst, daß ich unterwegs bin, dann kannst Du Pläne machen. Also bleibe mal schön da, wo Du bist, und überlasse mal alles der nächsten Zukunft.

Daß Kai bei der Geburt so häßlich war, ist nicht schlimm. Dann wird er später umso schöner. Die Hauptsache ist, daß er sich gut entwickelt und an Gewicht zunimmt. Vielleicht ließe es sich doch ermöglichen, daß Du Kai jede Woche wiegen läßt. Ich möchte gerne die Daten festhalten. Aber das bleibt alles der Zeit nach dem Kriege vorbehalten. Ich freue mich, daß Heidi ihr Brüderchen mehr liebt.

Wegen meiner Zahlmeisterlaufbahn habe ich erklärt, daß ich kein Interesse mehr daran habe. Die Gründe hatte ich bereits mitgeteilt. Ich halte es für zweckmäßig, wenn man immer beim großen Haufen beim Kommiß bleibt. Auch mich zur höheren Prüfung melden, kommt nicht in Frage. Zurzeit bekommt man da auch keinen Urlaub mehr. Man muß erst 3 Jahre Soldat gewesen sein. Nach dem Kriege werden wir uns das Leben so schön wie möglich gestalten. Für Examen zu pauken habe ich dann keine Lust mehr.

Schicke mir gelegentlich mal ein paar Druckknöpfe (schwarz, nicht zu klein) und ein paar Aufhängekettchen oder –bänder, auf kölsch „Ströppchen“.

Vor 14 Tagen habe ich meinen Montblanc-Füllhalter mit der Goldfeder verloren. Gestern ist meine Armbanduhr kaputt gegangen. Ich werde sie Deiner Mutter schicken. Vielleicht kann sie sie mir durch Vermittlung von Frau Mundt machen lassen und dann zurückschicken.

Vor ein paar Tagen habe ich an Deine Anschrift Scheideweg ein Päckchen geschickt mit Sachen, die ich nicht mehr brauche. Ich werde heute Deiner Mutter schreiben, daß sie das Päckchen (Nr. 4720) in unsere Wohnung stellt. Sie soll mir dann nur den Empfang bestätigen. Du kannst es dann gelegentlich in Hamburg auspacken.

Nun weiß ich nichts mehr. Für heute die herzlichsten Grüße und 1000 Küsse

Euer Vati.

Gerade geht die Post weg. Ich kann den Brief auf Rechtschreibefehler nicht mehr durchlesen. Aber Du wirst auch so daraus schlau.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser im Original die Nr. 20 trägt. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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