63. Brief – 20. Oktober 1942

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– 63. Brief –

Rußland, den 20.10.42

Mein liebes Frauchen!

Vorerst meinen herzlichen Dank für Deinen Luftpostbrief Nr. 6, der mich bereits am 17.10.42 erreichte. Der Brief trug den Poststempel vom 11.10.42, war also innerhalb 6 Tagen in meinem Besitz. So schnell hat mich noch kein Brief in Rußland erreicht. Die Luftpostkarte von Kais Geburt brauchte über einen Monat zu mir. Inzwischen habe ich auch die Briefe von Dr. Schmidt und Ernst-Otto beantwortet, die Du beifolgend findest. Auch habe ich eine Karte von Ludsche erhalten. Inzwischen wird er nicht mehr in Garmisch sein. Hoffentlich hat er noch anschließend Urlaub bekommen.

Von unserer Herausziehung haben wir nichts mehr gehört. Jetzt erzählt man, daß wir in ca. 6 Wochen 100 km südlich von Kalatsch in Ruhestellung können. Wenn wir dahin kommen, bin ich schon zufrieden, dann sind wir wieder etwas südlicher, da ist es auch wieder wärmer.

Es sieht auch so aus, daß wir den Winter über in Rußland bleiben, da wir diesertage schon unsere vollständige Winterausrüstung bekommen haben. Wenn ich jetzt noch meine Pelzmütze, die Überhandschuhe und den grauen Pullover habe, kann mir der Winter nichts anhaben.

Zudem geht das amtliche Gerücht, daß unsere Batterie bis zum 15. Januar voll in Urlaub gewesen sein soll. Dann habe ich 3 Wochen Urlaub diesen Winter, mit der Bahnfahrt bin ich dann knapp 1 ½ Monate von der Einheit weg. Die Reise nach Hamburg dauert mindestens 10 – 14 Tage. Das will ich alles gerne in Kauf nehmen, wenn nur am Ende des Urlaubs einem der Abschied nicht so schwer fallen würde. Daran denke ich mit Schrecken.

Es ist schade, daß ab 1.11. keine 100 gr. Päckchen mehr gesandt werden dürfen. Ich glaube aber, wenn Du einen Brief schreibst und 2 kleine Schachteln Zigaretten beifügst, dieser trotzdem befördert wird. Du mußt nur sehen, daß Du für diesen Zweck kräftige Briefumschläge bekommst. Mit Päckchenmarken bist Du zurzeit gut versorgt. Deshalb brauchst Du sie nicht alle bis Weihnachten aufzuheben. Ich freue mich auch, wenn ich vorher mal ein großes Päckchen zum Schnuppern bekomme. Zudem bekommen wir im November schon wieder 2 Päckchenmarken, außerdem werde ich noch welche dazu organisieren.

Für meinen Rechnungsführerposten hatte mir Dr. Schmidt seinerzeit verschiedene Schnellhefter, Kladden und Aktendeckel geschickt. Das hat zusammen 3,70 gekostet. Ich habe das Geld erhalten, gib es Dr. Schmidt bei nächster Gelegenheit wieder.

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Da es jetzt auf Weihnachten angeht, ist jetzt die beste Gelegenheit, den einen Rotfuchs zu verkaufen, den wir seinerzeit nicht los wurden. Bei dieser Gelegenheit mußt du dann auch sehen, daß Du einen Rodelschlitten bekommst. Ich hätte gerne, daß Heidi zu Weihnachten wieder einen Schlitten hat. Da es jetzt immer lange dauert, bis eine Annonce in der Zeitung erscheint, empfehle ich Dir, jetzt schon ein Inserat folgenden Inhalts aufzugeben:

Rotfuchs gegen 150,- und
Rodelschlitten abzugeben.
558218

In der Weihnachtszeit wirst Du da bestimmt eine Menge Angebote bekommen. Wenn der Schlitten nicht mehr ganz neu ist, laße ihn von Gurlaff (Adresse im Telefonbuch) etwas streichen. Dann kannst Du ihn Heidi zu Weihnachten schenken.

Meinen Durchfall habe ich jetzt los, aber dafür habe ich ein anderes Leiden, das alle Soldaten im Winter in Rußland haben. Fast alle Stunde muß ich pinkeln. Das ist in der Nacht besonders lästig, wenn man so ca. 6mal heraus muß. Ich glaube, wenn wir mal später den grauen Rock ausziehen, haben wir alle ein Leiden weg. Die Hauptsache ist, wenn man sonst noch gesunde Knochen hat.

Mit den Läusen wird es mit jedem Tag doller. Wenn man zum Donnerbalken geht und seine Unterwäsche nachsieht, kann man immer so 10 – 15 Läuse knacken. Das sind alles so Übelstände, die der russische Winter außer der Kälte mit sich bringt.

Nunmehr sind wir wieder in unserer alten Feuerstellung, wo wir ein ruhiges Leben haben. Scheinbar ist unser ganzer Einsatz auf die Vorstädte von Stalingrad vergeblich gewesen. Man muß bestimmt staunen, wie tapfer der Russe sich gehalten hat. Stalingrad ist jedenfalls eine harte Nuß. Ich glaube auch kaum, daß wir vor dem Winter Stalingrad ganz einnehmen und wenn, den Winter über halten werden.

Dieser Tage hat Hinselmann eine kleine Verwundung erlitten. Die Stalinorgel hat in der Nähe unserer Fahrzeugstellung hineingepelzt. Bei dieser Gelegenheit hat Hinselmann einen kleinen Splitter in den Nacken bekommen. Es ist nur eine kleine Fleischwunde, wofür er allerdings das Verwundetenabzeichen bekommt.

Und nun schreibe mir immer viel von dem Wachsen und Gedeihen unserer Kinder, das lese ich in Deinen Briefen immer am liebsten. Morgen werde ich an Deine Eltern mal wieder schreiben. Für heute seid alle recht, recht herzlich gegrüßt und geküßt von

Eurem Vati.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, weshalb dieser im Original die Nr. 21 trägt. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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