66. Brief – 30. Oktober 1942

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– 66. Brief –

Rußland, den 30.10.42

Mein liebes Frauchen!

Nun wird es aber höchste Zeit, daß ich wieder schreibe, nachdem 4 Tage vergangen sind. Ich hätte Dir schon eher schreiben können, aber beim Bunkerbau habe ich mir die beiden mittleren Finger der rechten Hand verletzt. An den Fingerspitzen habe ich mir durch einen unglücklichen Umstand die ganze Haut abgestreift und bin deshalb im Schreiben etwas behindert.

Vorgestern kam das Päckchen mit Pelzmütze, Kakao, Keks und Kammbeutel an. Den Kakao und Keks habe ich noch am gleichen Abend verpinselt. Spreche Deiner Mutter hierfür meinen herzlichen Dank aus.

Wenn Du mir mal ein Päckchen mit nur Flomenschmalz schicken könntest, wäre ich Dir dankbar. Danach habe ich so richtigen Appetit. Wenn du Zigaretten kaufst, siehe zu, daß Du Golddollar-Zigaretten bekommst. Bei Mundts bekommst Du die doch sicher. Sende mir auch gelegentlich mal einen kleinen runden Taschenspiegel. In der Garderobenschublade oder in irgendeiner Anzugweste wirst Du noch einen finden.

Auch kam heute ein Päckchen mit 2 Maggi-Suppenwürfel an, wofür Du herzlich bedankt sein sollst. Mein Puddingpulver habe ich inzwischen restlos verbraucht, hat gut geschmeckt.

Für die Monate November und Dezember haben wir jetzt schon die Päckchenmarken bekommen, 6 Stück an der Zahl. 4 Stück habe ich noch dazu gehandelt. Wir haben die Marken jetzt schon bekommen, damit die Weihnachtspäckchen rechtzeitig aufgegeben werden können. Soweit mir bekannt, müssen diese bis zum 30.11.42 aufgegeben sein. Aber warte nicht bis zum Schluß damit. Jetzt hast Du ja genug Marken, um mir zu Weihnachen etwas zu schicken. Aber nur keine unnötigen Sachen, mit anderen Worten, nur etwas zum Fressen.

Ludsches Gesichtswasser werde ich Dir in den nächsten Tagen wiederschicken, da ich für solche Artikel in meinem verdreckten und verlausten Zustand absolut keine Verwendung habe und dies nur unnötiger Ballast ist.

Das letzte Kilopäckchen von Deiner Mutter war mit 20 Pfg. frankiert. 20 Pfg. genügen für 1 Kilopäckchen. Ich hatte Dir schon geschrieben, daß Du auch 2 Kilopäckchen schicken kannst. Dann mußt Du allerdings 2 Päckchenmarken draufkleben und mit 40 Pfg. frankieren. Bei den Weihnachtspäckchen könntest Du ja Gebrauch davon machen.

Bis zum 22. November fahren 17 Mann in Urlaub. Leider bin ich bei diesem Schwung nicht dabei. Wir sind nur 3 Fernsprecher. Der älteste fährt in den nächsten Tagen. Wenn dieser wiederkommt, werde ich wahrscheinlich fahren können, da der 3. Fernsprecher nicht verheiratet ist. Verheiratete mit Kindern sollen bevorzugt werden. Es besteht also die Möglichkeit, daß ich eventuell zu Weihnachten auf Urlaub komme. Hoffentlich kommt nur keine Urlaubssperre dazwischen. Erzähle mal vorläufig keinem davon, sonst wird es nichts.

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Die Päckchen bringe trotzdem zur Absendung. Wenn ich auf Urlaub bin, werden mir die Päckchen verwahrt.

Hoffentlich wird es etwas. Ich habe das dringende Bedürfnis, mal wieder in einem gebadeten Zustand in einem sauberen Bett schlafen zu können, ohne mit Anzug und Mantel bekleidet zu sein.

Wenn Du diesen Brief erhältst, schreibe mir pro forma einen Brief, daß Du seit langer Zeit wegen einer Unterleibsgeschichte, die Du von Deiner letzten Niederkunft nachbehalten hättest, bettlägerig wärst. Du hättest mir das erst jetzt mitgeteilt, um mich nicht zu beunruhigen. Vielleicht müßtest Du für einige Zeit ins Krankenhaus, nur wüßtest du nicht, wo Du die Kinder lassen sollst. Diesen Brief werde ich dann vorzeigen, ich verspreche mir davon Erfolg. Schicke ihn also per Luftfeldpost. Eine Marke füge ich Dir bei. Hoffentlich wird es etwas.

Wir liegen noch immer vor Stalingrad und pelzen lustig in die Vororte hinein, die die Russen noch besetzt halten. Ich hätte nicht gedacht, daß der Kampf um Stalingrad so lange dauern würde. Hoffentlich wird es nicht so eine lange Belagerung wie Leningrad.

Und nun, was machen unsere Sprößlinge? Grüße und küße sie recht herzlich von mir. Dir ebenfalls die herzlichsten Grüße und Küße

Euer Vati


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, Deshalb trägt dieser im Original die Nr. 24. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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