71. Brief – 10. November 1942

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Rußland, den 10. Nov. 42

Mein liebes Frauchen!

Nun habe ich 4 Tage Ruhe. Ich bin froh, daß die 2 Tage in der Feuerstellung herum sind. Wir haben zwar nicht geschossen, aber die Unterbringung ist zu schlecht. Wir haben dort die 2 Tage gewuchtet, um uns ein großes Erdloch zu machen, wo wir uns tagsüber und nachts etwas wärmen können.

Und nachts kommt dann immer noch die Wache dazu, heute nacht habe ich 2 Stunden und 25 Minuten Wache gestanden. Das war eine sehr große Kälte, wir hatten ca. 20° Kälte. Zwischendurch waren wir noch zu 4 Mann vor die feindlichen Linien, um dort Telegrafenmaste abzusägen, die dann als Brandholz verwandt werden. Tagsüber kann man das nicht machen, da dann das Gebäude vom Russen eingesehen werden kann. Bei dieser Kälte ist es mehr als angenehm, glücklicher Besitzer einer Pelzmütze zu sein.

Dieser Brief wird von einem Kameraden, der auf Urlaub nach Hamburg fährt, in Deutschland in einen Kasten geworfen. Dann erreicht er dich schneller. Ich hatte Dir dieser Tage geschrieben, daß Dich der Kamerad Handschuh in den nächsten Tagen mal anrufen würde. Wenn er Dir dann Grüße von mir ausrichtet, sage ihm nichts von einem Päckchen, das er mitnehmen soll. Du hast ja jetzt genügend Zulassungsmarken, und ich möchte nicht, daß ein Kamerad mir ein Päckchen den weiten Weg nach Rußland mitnehmen soll.

Nun habe ich noch eine Bitte. Um mit meiner Pelzmütze nicht wie ein Russe auszusehen, muß ich daran dieselben Abzeichen haben, wie ich sie an der Feldmütze habe. Bitte doch Herrn Schade, daß er mir diese in dem Uniformgeschäft in der Schauenburger Straße (gleich am Rathaus) holt. Herr Schade ist in solchen Dingen bewandert und wird Dir diese Gefälligkeit gerne erweisen. Es handelt sich um folgende Abzeichen an der Feldmütze:

Brief71-neu-Abzeichen_Starless-in-Stalingrad-Dokumentarisches-Labor

Nun hätte ich aber gerne, wenn Du Dir diese Sachen sofort besorgst und sie dem Weihnachtspäckchen beilegst, das Du zuerst wegschickst. Hoffentlich ist es Dir möglich, mir diese Bitte gleich zu erfüllen.

Heute habe ich den beiliegenden Brief von Deinen Eltern erhalten. Ich werde ihnen morgen auch schreiben.

Mit Zigaretten erfreust Du mich garnicht mehr. Daran habe ich zurzeit großen Mangel. Hoffentlich behellige ich Dich nicht zu viel mit meinen Bitten.

Du wirst jetzt schon ohnehin mit meinen Weihnachtspäckchen beschäftigt sein. Aber es wird Dein ganzer Stolz sein, dafür zu sorgen, daß die Päckchen rechtzeitig zur Post kommen. Weihnachten werde ich bestimmt genug zum Schnuppern haben.

Es ist so gut wie ausgeschlossen, daß ich Weihnachten auf Urlaub bin, da der andere Kamerad dann noch nicht zurück sein wird. Aber ich hoffe bestimmt, daß ich in den ersten Januartagen bei Euch sein werde.

Das mir geschickte Brotmesser ist etwas groß. Ich hatte an eins gedacht, das so groß wie unseres oder noch etwas kleiner ist. Ich weiß garnicht, wo ich das unterbringen soll. Vielleicht kann Dein Vater Dir eins besorgen.

Und nun, was macht der Nachwuchs? Schreibe und erzähle mir möglichst viel von ihnen in Deinen Briefen. Ich habe das zu gerne, auch die Ungezogenheiten von Heidi.

Für heute grüße und küsse sie recht herzlich von mir. Dir besonders herzliche Grüße und Küße,

Euer Vati.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, Deshalb trägt dieser im Original die Nr. 29. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt

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