75. Brief – 23. November 1942

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– 75. Brief –

Rußland, den 23. Nov. 42

Mein liebes Frauchen!

Sechs Tage habe ich Dir jetzt nicht schreiben können. Während der zwei Tage, die ich in der Feuerstellung war, hatte ich keine Gelegenheit dazu. Als ich abgelöst wurde, wurde mir bekannt gegeben, daß ich sofort zum Troß fahren sollte, um den Rechnungsführerposten zu übernehmen. Der Rechnungsführer hat Ostfieber bekommen und ist ins Lazarett gekommen, wo er vermutlich längere Zeit bleiben wird.

Da er schon längere Zeit bettlägerig war, ist die ganze Arbeit liegen geblieben. Du kannst Dir denken, daß sich nun mit Arbeit überhäuft bin. Ich werde Dir vorerst nicht alle zwei Tage schreiben können.

Beim Troß kam ich vom Regen in die Traufe, da in diesem Abschnitt der Russe durchgebrochen war. Wir haben volle 24 Stunden alle Infanterieeinsatz machen müssen. Inzwischen sind starke Verstärkungen eingetroffen und der Russe mit seinen Panzern wieder zurück gepelzt worden. Auf solche überraschenden Angriffe werden wir diesen Winter noch öfters gefaßt sein müssen.

Du bist ja jedenfalls froh, daß ich wieder Rechnungsführer und beim Troß bin. Ich nicht, da ich als Fernsprecher ein faules Leben und viel Zeit zum Schreiben hatte.

Inzwischen sind folgende Briefe und Päckchen von Dir engetrudelt: Nr. 9 vom 21.10.42, Ludsches Brief Nr. 17 vom 10.11.42, Nr. 15 vom 3.11.42 und Päckchen Nr. 5 vom 11.10.42, Nr. 6 vom 11.10.42, Nr. 7 vom 11.10.42 und Nr. 10 vom 22.10.42.

Beiliegend findest einen Einlieferungsschein über RM 120,-. Sobald Du dieserhalb angerufen werden solltest, gehst Du mit den beiden Sparkassenbüchern und dem beiliegenden Zettel zur Sparkasse und läßt die Gutschriften in den Sparkassenbüchern buchen.

Was hältst Du eigentlich von dem Vorschlag von Frau Hartwig? Es wäre doch ganz nett wenn Du mal nach Gnesen mit den Kindern fahren würdest. Gnesen ist eine nette Stadt. In Hamburg möchte ich Euch nach Weihnachten sowieso nicht mehr wissen. Du mußt nur sehen, wie Du mit Frau Hartwig über den Preis einig wirst. Familie Timme hat mir geschrieben, daß sie keine Gäste mehr aufnehmen können.

Mit Urlaub steht es natürlich jetzt schlecht, seitdem ich Rechnungsführer bin, da ich keinen Vertreter habe. Deshalb hat es auch keinen Zweck, daß ich den Brief vorzeige, daß Du krank wärst. Du kannst aber mal alle 14 Tage in einem Brief in einem Abschnitt dasselbe erwähnen, wie in dem Luftpost-Brief Nr. 17. Vor allen Dingen immer schreiben, daß Du nicht wüßtest, wo Du die Kinder lassen solltest während Deiner Krankheit. Vielleicht ist es mir möglich. von einer anderen Batterie einen Vertreter zu besorgen.

Seit vor ein paar Tagen die Russen durchgebrochen sind, ist Urlaubssperre. Die Urlauber, die bereits unterwegs waren, sind angehalten worden und mußten zurückkehren. Ich denke, daß die Urlaubssperre in den nächsten Tagen wieder aufgehoben wird.

Wie oft wird denn eigentlich der Luftschutzkeller umgebaut? Schade, daß der Kinderkeller dadurch kleiner geworden ist. Jetzt kann unser Kai mit seinem Mercedes garnicht mehr reinrollen. Hoffentlich braucht Ihr da nicht mehr oft rein.

Mit dem neuen Kindergeld finde ich ganz in Ordnung. Gott sei Dank, daß das Ernährungsamt Dir die Bettwäsche dazu genehmigt hat.

Die Post werde ich für die Folge immer wieder nach der Gneisenaustraße adressieren.

Ich freue mich, daß Du für Heidi einen schönen Roller bekommen hast. Der Preis spielt da keine Rolle. Hoffentlich hast Du den Holländer auch genommen. So etwas kann man immer für die Kinder gebrauchen.

Ich habe an einen Stellmacher in Bergen bei Celle geschrieben und gebeten, mir einen oder Rodelschlitten zu machen und diesen noch vor Weihnachten an Dich zu senden. Die Adresse wurde mir von einem Kameraden gegeben, hoffentlich führt der Stellmacher den Auftrag aus. Wenn Du den Schlitten bekommen solltest, überweise sofort das Geld.

Es ist nicht nötig, daß Deine Mutter mir noch einen Pullover strickt, da mir der graue Pullover genügt. Außerdem habe ich noch einen Wehrmachtspullover. Die Überhandschuhe kann ich allerdings gut gebrauchen.

Hole immer in einem Eisenwarengeschäft zwei Überwürfe wie umseitig abgebildet. Ich brauche einen kleinen für eine Kiste und einen größeren (wie an unserer Kellertüre), um eine Türe verschließen zu können.

Ebenso die dazugehörigen Schrauben. Ich hatte Dich schon mal gebeten, mir umseitig abgebildete Schraubhaken zu schicken. Schicke mir zwei von den Hängeschlössern, die ich Dir geschickt habe, wieder zurück. Die Sachen kannst Du mir in dem nächsten großen Päckchen mitschicken.

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Schicke mir ab 15.12. die Post doch laufend weiter, da es mit Urlaub unbestimmt ist.

Jetzt bin ich aber müde. Grüße Heidi und Kai recht herzlich von mir. Dir ebenfalls recht herzliche Grüße und Küße

Euer Vati


Anm. 1: Der erwähnte 74. Brief vom 17. November 1942 ist leider verloren gegangen.

Anm. 2: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, Deshalb trägt dieser im Original die Nr. 33. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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