ZUR VERSORGUNGSLAGE IM KESSEL

SIS-Versorgung_Karte
Abb. aus: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz, S. 328

Der vergangene und die nächsten Briefe werfen einige Fragen zur Versorgungslage auf, die mein Großvater aus seiner Position wohl kaum überblicken hat können. Mehrere Forschergenerationen haben sich seither daran gemacht, die Umstände zu klären – herzlichen Dank an dieser Stelle!

Janusz Piekalkiewicz schreibt in seinem Standardwerk „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“ zur Versorgungslage im Kessel Ende November bis Mitte Dezember 1942:

„Niemand kenn so recht die Zahl der Eingeschlossenen: Die Sowjets glauben, es seien 80.000 Mann, der Wehrmachtsführungsstab tippt auf etwa 400.000, der Quartiersmeister der 6. Armee meint 300.000, und General Paulus selbst glaubt, er hätte 200.000 unter sich. In Wirklichkeit befinden sich im Kessel etwa 260.000 Mann, unter ihnen 9.590 Rumänen und 20.300 Hilfswillige, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, sowie 50.000 Pferde. Der Raum zählt 1.500 Quadratkilometer und hat eine Ausdehnung von 60 Kilometern Länge, 37 Kilometern Breite und einen Umfang von 171 Kilometern. Somit liegt das ganze Gebiet im Bereich der weittragenden sowjetischen Artillerie. (…) Schon jetzt (Anm.: 23.11.1942) ist die Lage der 6. Armee äußerst kritisch; der größte Teil der Versorgungsreserven liegt auf der Westseite des Don, fast alles ist den Sowjets in die Hände gefallen, und die Armee verfügt nur noch über 6 Tagesrationen für jeden Mann im Kessel.“ (S. 303 f)

„Die 6 Armee teilt inzwischen mit (Anm.: 24.11.1942): Die Mindestmenge des erforderlichen Nachschubs betrage täglich insgesamt 600 t Munition, Treibstoff, Futter und Lebensmittel (davon allein 40 t Brot), was natürlich bei weitem die Kapazität der Transportflotte übersteigt. Nur mit äußersten Anstrengungen und unter vielen Opfern wird der Tagesdurchschnitt der eingeflogenen Menge von 95 t anstelle der zugesagten 300 t erreicht. Im Kessel gibt es eine Anzahl Flugplätze (…). Für den Versorgungseinsatz kommt jedoch nur Pitomnik in Frage, denn dieser Platz eignet sich auch für die Flugbetrieb bei Nacht. Bassargino (…) liegt wie Karpowka (Anm.: wo sich nach letzten Angaben mein Großvater befindet) zu nahe an der Frontlinie, und den bestens geeigneten Flugplatz Gumrak weigert sich General Paulus zur Verfügung zu stellen, um sein am Rande liegendes Hauptquartier nicht zu gefährden. Am Mittwoch, den 25. November, beginnt die Luftversorgung des Kessels von Stalingrad (…). An den beiden ersten Tagen mit regulären Versorgunsflügen (…) bringen die Ju 52 lediglich 65 t Sprit und Munition in den Kessel. (…) Am 26. November wird die Verpflegung auf den halben Satz gekürzt: Es gibt täglich 200 Gramm Brot und vorerst noch genügend Büchsenverpflegung. (…) Am Sonntag, dem 29. November, setzen die Deutschen für die Flüge nach Stalingrad erstmalig zweimotorige He-111-Bomber ein, die den Nachschub in Sonderbehältern, die wie eine Bombe ausgeklinkt werden, über dem Kessel abwerfen.“ (S. 308 ff)

„8 bis 10 Kilometer vor dem inneren Einschließungsring, der fast bis an den Kessel reicht, geraten die Flugzeuge in das Feuer der (Anm.: sowjetischen) Flakartillerie. Die Breite des inneren (Anm.: Belagerungs-) Streifens hat durchschnittlich 10 Kilometer. So stehen entlang der deutschen Einflugschneisen etwa 1.100 Flugabwehrgeschütze, und selbst wenn den deutschen Maschinen der Anflug in den Kessel gelingt, sind sie keineswegs in Sicherheit. Sowjetische Bomben- und Schlachtflugzeuge greifen die Flugplätze innerhalb des Einschließungsringes fast ununterbrochen an. Nachts halten U-2-Maschinen die Blockade aufrecht (…)“ (S. 323)

„Am Montag, dem 7. Dezember, landen bei gutem Wetter auf dem Flugplatz Pitomnik 188 Maschinen, die 282 t Nachschub bringen. Nur ein zweitesmal gelingt es im Verlauf der Luftversorgung von Stalingrad, diese an der Grenze der geforderten 300 t liegende Menge zu schaffen. (…) Am gleichen Tag wird der Verpflegungssatz der eingeschlossenen 6. Armee nochmals gekürzt, jetzt beträgt die Tagesration: Brot: 200 g / Gemüse: 1/2 der Normalsätze / Frischfleisch: 120 g oder 200 g Pferdefleisch / Käse: 50 g oder 75 g Frischwurst / Butter, Margarine, Schmalz: 30 g oder 120 g Marmelade und Kunsthonig / 3 Portionen Getränke / 3 Zigaretten, 1 Zigarre oder 25 g Tabak.“ (S.328 ff)

„Am 16. Dezember friert die Wolga ganz zu, und die (Anm.: seit Beginn des deutschen Angriffs auf Stalingrad am Westufer der Wolga eingeschlossenen) sowjetischen Soldaten können die dringend gebrauchte Munition vom Ostufer mit Schlitten übers Eis bringen. Die Versorgungslage der 6. Armee dagegen wird immer kritischer. Es ist sogar unmöglich, statt Brot das raumsparende Mehl in den Kessel zu schicken, da die vorhandene Brotmenge für die Überbrückungszeit von 3-4- Tagen zur Umstellung auf eigenes Backen in der Armee nicht ausreicht. Das eingeflogene wäßrige Roggenbrot muss vor Gebrauch erst wieder aufgetaut werden. Dabei lagern bei Rostow riesige Weizenmehl- und Buttervorräte, die nicht verteilt werden dürfen. Es treffen überwiegend hartgefrorenes Frischfleisch und tonnenweise Gemüsekonserven anstelle von Kraftnahrung ein.
Als man eines Tages Gewürze anfordert, die zur Neige gehen, werden gleich zwei Ju 52-Transportmaschinen,vollgestopft mit Majoran und Pfeffer – ganze vier Tonnen – eingeflogen. Manche Transportmaschinen bringen statt der dringend erforderlichen Nahrung Stapel alter Zeitungen, 200.000 Tornisterschriften der Wehrmacht-Propaganda-Abteilungen, Kragenbinden, Dachpappe, Stacheldraht oder andere unmöglich zu verwendende Dinge. An einem der Tage kommen allein 6 t Bonbon und verschiedene sperrige Ersatzteile für Pioniergerät. Aus der Not heraus werden 4.000 Pferde der rumänischen Kavallerie-Division, die aus Futtermangel eingegangen wären, geschlachtet, um wenigstens das Schlimmste abzuwenden.
Am 15. Dezember muß die Brotration auf 100 Gramm herabgesetzt werden: Zwei Schnitten Brot am Tage, einige Tassen Kräutertee oder Malzkaffee und als Mittagsverpflegung eine dünne Suppe, an der oft erst die Eisschicht entfernt werden muß, bevor sie gegessen werden kann. Damit soll der Soldat leben und kämpfen, Frost, Schnee und Sturm widerstehen können.
Und mit dem Schutz gegen die Kälte ist es nicht anders: Was die Truppen der 6. Armee an Bekleidung und Schuhwerk besitzen, tragen sie am Körper. Bei manchen Einheiten übertrifft die Zahl der durch Hunger Entkräfteten bereits die Zahl der Verwundeten. Und in Bunkern, Gräben und auf jedem Hauptverbandsplatz liegen ausgezehrte Soldaten und Offiziere, die nicht mehr auf den Beinen stehen können. Jedoch erst am 17. Dezember meldet die Sanitätsführung im Kessel offiziell Todesfälle infolge von Erschöpfung. Trotz der Misere wird weitergekämpft. (…)
Ab Mitte Dezember wird die sowjetische Abwehr durch Jäger und Flak so verstärkt, daß nur die He-111-Kampfflugzeuge bei Tage eingesetzt werden und die Ju-52-Maschinen ausschließlich nachts fliegen können.
Während die deutsche Front zusehens abbröckelt, steht die 4. Panzerarmee (Anm.: deutsch Entsatzoffensive „Wintergewitter“ seit 12.12.1942) nahe der Myschkowa in der Hoffnung, Generaloberst Paulus würde den Ausbruch wagen. Die einzige Chance der 6. Armee besteht nun darin, sich selbst bis zur Armeegruppe Hoth (Anm.: 4. Panzerarmee, s.o.) durchzuschlagen. (Anm.: Oberbefehlshaber der „Heeresgruppe Don“ Generalfeldmarschall) v. Manstein beordert am 18. Dezember einen seiner Offiziere in den Kessel, um den Grund der Bedenken von Paulus zu erfahren, der ihm erklärt, (…) seine Truppen seine in äußerst schlechter physischer Verfassung (…). Nach seinen Schätzungen reiche er (Anm.: der Treibstoffvorrat) für die noch vorhandenen Panzer höchstens 20 Kilometer. Und es bestehe die Gefahr, daß man auf der Strecke liegenbleibe (…).“ (S. 344 f)


Quelle: „Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“, Janusz Piekalkiewicz

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