83. Brief – 21. Dezember 1942

Brief83-3-20171221_Starless-in-Stalingrad-Dokumentarisches-Labor

– 41 –

Rußland, den 21.12.42

Mein lieber guter Engel!

3mal werden wir noch wach, heissa dann ist Weihnachtstag. Wären doch erst mal die Tage vorbei. Es wird einem mies dabei, wenn man an die Weihnachtstage denkt. Sie sind es gerade, die so eng mit dem Familienleben verknüpft sind. Wenn ich doch nur Post oder die Päckchen erhalten würde. Ich glaube, Weihnachten habe ich das arme Tier. Dir wird es ja genauso gehen, die Du in Gedanken bei mir bist. Hauptsache ist, daß unsere Kinder ein paar frohe Stunden haben, denn für sie leben wir einzig und allein.

Letzte Nacht hatten wir hier einen heftigen Fliegerangriff. Ein Haus, das zirka 50 Meter von uns ab liegt, bekam einen Volltreffer. Fünf Tote waren zu beklagen. Die Steine und Bretter flogen bis zu uns herüber.

Meinen Brief vom 19.12.42 vergaß ich zu nummerieren. Gib ihm bitte die Nummer 40.

Jetzt haben wir die Möglichkeit, alle Tage wieder zu schreiben. Ich werde meine bisherigen Termine einbehalten und Dir alle zwei Tage schreiben. Es ist ja sehr schwer, alle zwei Tage einen Brief zusammen zu bekommen, weil es einem an Schreibstoff fehlt. Wenn ich Post von Dir bekäme, wäre das etwas anderes. Aber das wird wohl hoffentlich bald anders.

Und der Kessel ist leider noch nicht gesprengt worden. Es wird höchste Zeit, da die Verpflegung immer kärglicher wird. Pferdefleisch ist jetzt an der Tagesordnung. Zurzeit bekommen wir alle acht Tage nur noch ein Brot gegen früher alle zwei Tage ein Brot. Gut ist noch das Zubrot, man weiß garnicht wohin damit, weil man kein Brot hat.

Heute war ich in unser Feuerstellung zum Löhnen. Die Kameraden sind bei dieser kalten Witterung da draußen zu bedauern. Ich bin froh, daß ich wieder Rechnungsführer bin und in der warmen Stube sitzen kann. Arbeit habe ich genügend, die Rückstände habe ich alle aufgearbeitet, und so werden jetzt angenehmere Tage für mich kommen.

Mein liebes Frauchen, jetzt zum Jahreswechsel sind es fünf Jahre her, daß wir uns kennen, lieben und im Laufe unserer jungen Ehe gegenseitig schätzen und achten gelernt haben. Pfingsten als unser Verlobungs-, 25. August 38 als unser Hochzeitstag sind Tage, die wir immer uns ins Gedächtnis rufen wollen. So sollen es auch die Sylvesterstunden sein, die wir freudvoll im Hofbräuhaus durchlebt haben. So wie Du denke auch ich gern an diese Stunden zurück. In diesen fünf Jahren hast Du zwei gesunden Kindern das Leben geschenkt, wofür ich Dir herzlichst danke.

Ich schicke diesen Brief per Luftfeldpost und hoffe, daß er Dich zu Neujahr rechtzeitig noch erreicht.

In diesem Sinne nochmals recht herzliche Neujahrsgrüße und alles, alles Gute im neuen Jahr. Ebenso herzliche Grüße und 1000 liebe Küße

Euer Vati

Richte deinen Eltern ebenfalls recht herzliche Neujahrsgrüße aus.

Euer Vati

Anbei noch vier Luftfeldpostmarken.


Anm.: Ab dem 4.09.1942 (nachfolgend auf seinen 41. Brief) begann er die Nummerierung der Briefe wieder von vorne, Deshalb trägt dieser im Original die Nr. 41. Seitdem haben wir eine eigene fortlaufende Nummerierung eingeführt.

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