85. Brief – 25. Dezember 1942

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– 85. Brief –

Rußland, 1. Weihnachtstag 42

Mein liebes gutes Frauchen!

Nun ist der Heilige Abend auch rum. In einem meiner letzten Briefe hatte ich Dir versprochen, an diesem Abend in jeder Minute an Euch zu denken. Aber das fiel mir bei diesem Gegröle und Sauferei schwer. Als wir zu Beginn einige Weihnachtslieder sangen, gingen mir doch die Nerven durch und ich hätte losheulen können. Die ganze Zeit standen mir die Tränen in den Augen. Ich bin dann eine Zeitlang raus gegangen und habe mich mal richtig ausgeheult. Danach war es besser, und ich habe mich am Saufen beteiligt, um besser über die Stunden hinwegzukommen.

Von unserer Batterie hatten wir nicht besonders viel Schnaps und Wein bekommen. Aber es genügte doch, denn wir hatten nachher alle ganz nett den Kanal voll.

Einen Weihnachtsbaum mit einfachsten Mitteln haben wir uns auch gemacht. Tannen oder Fichten gibt es hier 100derte von Kilometern nicht. Da haben wir einfach einen kleinen Strauch genommen, die Äste grün gepinselt und mit rotem und Silberpapier und Watte den „Baum“ ausgeschmückt. Unser Spieß hatte noch fünf Weihnachtskerzen, sodaß es ein ganzes nettes Bäumchen war.

Der Russe war an diesem Abend anständig, kein Flieger hatte sich blicken lassen. Nur aus der Ferne hörte man das Schießen von der Front. Die armen Infanteristen sind zu bedauern, die in der Heiligen Nacht uns die Russen vom Leib halten müssen.

Der Rest des Abends war eine wüste Sauferei und Singerei. Daran habe ich mich feste beteiligt. Ein Rumäne begleitete uns auf der Ziehharmonika.

In meinem Leben habe ich fast noch keinen schönen Weihnachten verlebt. Immer bei fremden Leuten, und wie es an den Weihnachten in unserer jungen Ehe bestellt war, weißt Du ja selbst. Hoffen wir, daß es das nächste Jahr anders wird. Ich stelle mir das schon nett vor, wenn unser Kai um den Weihnachtsbaum watschelt. Ich freue mich schon auf den Brief, mit dem Du mir mitteilst, wie Du mit unseren Kindern den Heiligabend verlebt hast.

Jetzt kommt noch Neujahr, und dann sind die Feiertage Gott sei Dank vorbei. Sylvester wird mich auch an die schönen Stunden vor fünf Jahren erinnern.

Morgen oder übermorgen werden wir bestimmt Post bekommen. Es soll auch ein Teil der Päckchen mitkommen. Die Batterie, bei der Kurt Schramm ist, hat schon Post bekommen. Dann habe ich auch wieder Stoff zum Schreiben. Kurt Schramm ist gestern auch Gefreiter geworden.

Wenn Dir noch eine Zigarettenmaschine oder eine Schallplatte „wenn ich su an ming Heimat denke“ zugesandt wird, nimm die Sachen an und überweise das Geld sofort. Die beiden Teile habe ich diesertage bei 2 verschiedenen Firmen bestellt. Die Zigarettenmaschine schicke mir sofort nach, die Schallplatte behalte zu Hause.

Und nun seid alle recht herzlich gegrüßt und 1000x geküßt von

Eurem Vati.


Am Anfang war nur das Wort, jetzt kommen die Bilder!

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Vielen Dank!

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