BERICHT EINES HEIMKEHRERS

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Am 31. August 1951 schrieb der erste Heimkehrer der 7. Battr. Werfer Regt. 51, Horst Schellekamp, folgenden Bericht und sendete ihnen allen ihm bekannten Angehörigen der Batterie, darunter meiner Uroma, der Mutter meines Großvaters in Köln. Darin fasst er die Ereignisse nach dem Abbruch der Feldpostverbindung mit der Heimat, Anfang Januar 1943, bis zur Gefangennahme zusammen, die seine Batterie betreffen. Er berichtet darin auch, dass seine Batterie mit allen überlebenden Soldaten heute morgen (vor 75 Jahren), um 9:30 Uhr, geschlossen in die Gefangenschaft gegangen sind:

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Im Juni 1942 wurde ich zur 7. Battr. Werfer-Regt. 51, Fpn. 26874 versetzt, und traf die Batterie, welche von Bobruisk her auf dem Marsch war, in dem Raum Kursk. Ich übernahm den 2. Zug der Werfer-Staffel.

Die Sommeroffensive brachte uns in den großen Donbogen. Bei Wertjatschi überschritten wir den Don, und nahmen Stalingrad ein. Wir erreichten nördlich des Traktoren-Werkes zwischen dem Ortsteil Rynok und Spartakowka die Wolga. Unsere Kräfte waren verhältnismäßig schwach. Später, als sich der Russe von dieser Überraschung erholt und neu gruppiert hatte, besetzte er beide Ortsteile wieder. Es entwickelte sich dort ein kräfteaufreibender Kleinkrieg. Wir haben beide Ortsteile nie mehr ganz in unsere Hand bekommen.

Die Battr. bezog Feuerstellungen im Nordriegel mit Schußrichtungen nach Norden und Osten. (Anm: An diesen Kämpfen hat mein Großvater als Fernsprecher ungefähr zwischen dem 10. September und dem 19. November 1942 – 46. bis 74. Brief – teilgenommen.) Unsere Gefechtsfahrzeuge blieben in der geschützten Hufeisen-balka (Schlucht). Den Troß hatten wir auf Donhöhen gelassen, führten ihn später nach Karpowka nach.

Am 23. Nov. 1942 brach der Russe dann bei den Rumänen hinter unserem Rücken im großen Donbogen ein, und machte in einer riesigen Zangenbewegung den Kessel zu. (Anm.: Ab diesem Zeitpunkt – ab dem 75. Brief – war mein Großvater wieder Rechnungsführer der Batterie, also im Tross in Karpowka.) Wir standen am anderen Morgen dann marschbereit auf dem Flugplatz Gumrak, um auszubrechen. Es mußte aber alles in die alten Stellungen zurück. Damit begann für uns die schwerste Zeit unseres Lebens.

Der russische Winter war gekommen. An Winterbekleidung bekam die Battr. im ganzen 3 Paar Filzstiefel. Diese wurden immer unter den Männern ausgetauscht, welche auf die Beobachtungsstelle zogen. Aber trotz allen Härten und Unbilden der Witterung hatten wir doch immer das Glück, dort wo wir in Feuerstellung lagen, uns ein Dach über dem Kopf zu bauen und uns um den warmen Ofen zu setzen. Erfrierungen hat sich bis zu unserer Gefangennahme kein Mann der Battr. zugezogen.

Die Verpflegung war so gering, daß jeder von uns rund pro Tag 200 gr. Brot bekam. Dazu zweimal am Tage eine dünne Suppe. Gott sei Dank hatte unser Hauptfeldw. Kahla vorgesorgt, sodaß alle bis zum 2. Feb. 1943, dem letzten Kesseltage, wohl Hunger hatten, aber doch mit einigermaßen Kräften noch in die Gefangenschaft gingen. Das größte Glück aber war für uns, unsere Abteilung verfügte noch bis in die letzten Tage als einzigste so schwere Waffe des Nordkessels über Munition, und wir entgingen somit dem infanteristischen Einsatz.

Als die Zeit kam, daß wir in die Stadt hineingedrängt wurden, holten wir unseren Troß aus Karpowka, und die gesamte Battr. bezog einen Keller vor dem Haupteingang des Traktoren-Werkes. (Anm.: Ab der sowjetischen Offensive vom 10. Januar 1943 war mein Großvater also wieder bei der kämpfenden Einheit.) Auch in dieser Beziehung hatten wir vorgesorgt. Der Keller war von uns frühzeitig wohnlich hergerichtet worden,. Dort blieben wir alle bis zu unserer Gefangennahme, bis auf eine Ausnahme. Unser Oberschirrmeister Koch unternahm ohne uns zu verständigen mithilfe unseres Beutetankwagens im Beisein des Abt. Adjutanten und noch einigen Offizieren der 24. Pz. einen Ausbruchversuch. Ich habe nichts genaues mehr von ihnen gehört. Die Russen erzählten zwar später, sie hätten ein solches Unternehmen aufgegriffen.

Dann wurde der große Kessel Stalingrad in drei kleine zusammengedrückt. Wir in dem Nordkessel saßen in dem kleinsten Kessel und haben uns am längsten gehalten. In den letzten Tagen wurde die von Flugzeugen abgeworfene Verpflegung frei gegeben. Es war keine ordentliche Verteilung durch die Div. mehr möglich. Gleich neben unserem Keller war eine Abwurfstelle. Wir haben dann nachts aufgepaßt und konnten dadurch in den letzten Tagen etwas besser leben als in den Zeiten vorher. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Jeder hatte von uns 1/2 Brot, eine kleine Konservendose und ein Stück Speck oder Wurst, als der Russe uns aufforderte, am 2. Feb. 1943 morgen 9:30 aus unserem Keller herauszukommen.

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Die gesamte Battr. marschierte in die Gefangenschaft. Am Abend wurden die Offiziere von den Männerhaften getrennt. Wir waren auf alles vorbereitet. Aber es war nicht so. In 3 Tagesmärschen ging es über Jeresowka nach Dubowka, 40 km nördlich Stalingrad an der Wolga gelegen. Dort trafen wir unsere Männer wieder. Anfänglich in Kellern untergebracht, bezogen wir später die halbzerfallenen Erdbunker eines russischen Sommerlagers. Wir wurden getrennt bewacht. Der Verkehr untereinander war erheblich erschwert. Aber trotzdem gelangen uns kurze Besuche.

Am 2. März 43 traten dann alle Offiziere den 5 tägigen Fußmarsch von Dubowka durch ganz Stalingrad nach Begetowka an. In diesem Lager wüteten Ruhr, Typhus und Fleckfieber. Rund 36000 Mann sind dort im Laufe des Sommers gestorben. Ich selbst wurde dann weiter nach Oranki, zwischen Moskau und Gorki gelegen, abtransportiert. Am 4. Dez. 1949 kam ich wieder nach Hause.

Meine erste Post aus der Heimat bekam ich Weihnachten 1946. Seit der Zeit war die Verbindung hergestellt. Die sogenannten Schweigelager sind mir aus der Praxis her nicht bekannt.

Kurz vor dem Abtransport aus Dubowka besuchte uns unser Hauptwachtm. Kahla noch einmal nachts. Er teilte mir mit, daß alle Männer der Battr. noch bei ihm gesund sind, niemand gestorben sei. Der Kräftezustand allerdings sei sehr bedenklich.

Ich bin weit in Rußland rumgekommen, aber es ist das Letzte gewesen, was ich von den Männern der einst so stolzen 7. Battr. Werfer-Regt. 51 gehört habe. Nach vorsichtigen Schätzungen, die anläßlich der Gründung des National-Komitees „Freies Deutschland“ im Juni 43 (Wikipedia-Info) getätigt wurden, und bei der Abordnungen aus allen Lagern Rußlands gewesen sein sollen, wurde die Zahl der noch lebenden Stalingrader auf rund 15000 Mann angegeben. Davon allein wieder rund 5000 Offiziere. Trotz aller Bemühungen über das Rote Kreuz habe ich noch keinen unserer Männer wiedergefunden.

Die Vermißtenliste unserer Batt. umfaßt 43 Namen. Leider haben sich nicht alle Angehörigen unserer Männer gemeldet. Auch kamen viele aus der jetzigen Ostzone und aus Österreich. Sie dürften nicht erfaßt sein.


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