Bericht eines Heimkehrers – Analyse

Liebe Echtzeitreisende!

Gestern, am 75. Jahrestag des endgültigen Endes der Schlacht um Stalingrad, haben wir mit dem „Bericht eines Heimkehrers“ einen Zeitsprung von 8 Jahren und 7 Monaten nach vorn gemacht, und damit unwideruflich den Echtzeit-Modus verlassen. Die #Echtzeitreise ist damit nach knapp 8 Monaten zu Ende gegangen…

EPSON MFP image

Was sind die Erkenntnisse aus dem Bericht des ersten Heimkehrers der Batterie?

Der Heimkehrer berichtet:

„Bei Wertjatschi überschritten wir den Don.“

Auf der Karte sehen wir, dass auch der Tross mit meinem Großvater diesen Weg genommen hat. Im 32. Brief (2) vom 12. August 1942 schreibt er:

„Soeben höre ich, daß der Troß weiter vorverlegt wird, da unsere Feuerstellung auch weitergekommen ist. Wir kommen ganz in die Nähe des Dons. Morgen soll es los gehen.“

Die Karte scheint aber nicht ganz genau zu sein, denn am 15. September 1942, am Anfang der 4. Phase, wo mein Großvater wieder bei der Batterie an der Front war, schrieb er:

„Heute machen wir wieder Stellungswechsel nach Kalatsch am Don.“

2 Tage später (47. Brief) schreibt er wiederum:

„Augenblicklich stehen wir vor Stalingrad. Von der Höhe kann man die Stadt und die Wolga sehr gut sehen. Man hat den Eindruck, daß ganz Stalingrad in Brand steht.“

In dieser Zeit stieß die Offensive auf Stalingrad auf entschiedenen Widerstand der sowjetischen Verteidiger…

Der Heimkehrer berichtet weiter:

„Wir erreichten nördlich des Traktoren-Werkes zwischen dem Ortsteil Rynok und Spartakowka die Wolga. Es entwickelte sich dort ein kräfteaufreibender Kleinkrieg. Wir haben beide Ortsteile nie mehr ganz in unsere Hand bekommen. Die Battr. bezog Feuerstellungen im Nordriegel mit Schußrichtungen nach Norden und Osten.“

Dies ist also der Ort, von dem aus die meisten Briefe der 4. Phase (46. bis 74. Brief) geschrieben worden waren. Weiter schreibt er:

„Den Troß hatten wir auf den Donhöhen gelassen, führten ihn später nach Karpowka nach.“

Ab dem 75. Brief vom 23. November 1942 begann die 5. Phase der Briefe: Zeitgleich mit der Einkesselung wird mein Großvater wieder zum Tross als Rechnungsführer beordert. Er schreibt:

„Sechs Tage habe ich Dir jetzt nicht schreiben können. (Anm.: Der 74. Brief vom 17. November 1942 war leider verloren gegangen.) Während der zwei Tage, die ich in der Feuerstellung war, hatte ich keine Gelegenheit dazu. Als ich abgelöst wurde, wurde mir bekannt gegeben, daß ich sofort zum Troß fahren sollte, um den Rechnungsführerposten zu übernehmen. (Anm.: Das müsste dann also der 19. November gewesen sein, genau am Starttag der sowjetischen Umfassungsoffensive.) Beim Troß kam ich vom Regen in die Traufe, da in diesem Abschnitt der Russe durchgebrochen war. Wir haben volle 24 Stunden alle Infanterieeinsatz machen müssen.“

Unklar ist, wann der Tross von Wertjatschi nach Karpowka nachgezogen wurde. Da er schreibt, dass „in diesem Abschnitt der Russe durchgebrochen war“, könnte er noch ich Wertjatschi gewesen sein, und erst dann in den Kessel nach Karpowka zurückgezogen worden sein. Jedenfalls spielt sich die 5. Phase dann, wie wir aus den Briefen wissen, mit kurzen Unterbrechungen in Karpowka ab. Die Batterie selbst ist am Tag des 75. Briefs, dem Tag der vollständigen Einkesselung (23.11.1942) in Gumrak. Er berichtet:

„Wir standen am anderen Morgen dann marschbereit auf dem Flugplatz Gumrak, um auszubrechen. Es mußte aber alles in die alten Stellungen zurück.“

Außerdem schreibt er:

„Als die Zeit kam, daß wir in die Stadt hineingedrängt wurden, holten wir unseren Troß aus Karpowka, und die gesamte Battr. bezog einen Keller vor dem Haupteingang des Traktoren-Werkes.“

Damit meint er den 10. Januar 1943 und die darauffolgenden 2 Wochen. Er beschreibt auf der Karte den genauen Weg des Tross‘: von Karpowka über den einzigen Versorgungsflugplatz Pitomnik (fällt am 15. Januar), weiter zum Flugplatz Gumrak, wo sich das Hauptquartier von Paulus und das einzige Feldlazarett befinden. Gumrak fällt am 22. Januar 1943. Ab spätestens diesem Tag bis zum 2. Februar 1943 war der Tross bei der Feuerstellung, untergebracht in einem Keller vor dem Haupteingang des Traktoren-Werkes, wie der Heimkehrer berichtet:

„Der Keller war von uns frühzeitig wohnlich hergerichtet worden. Dort blieben wir alle bis zu unserer Gefangennahme.“

In diesem Keller mussten sie kein Hunger leiden und waren auch vor Witterung geschützt. Da er nichts über die Kälte berichtet, scheinen sie sogar einen Ofen gehabt zu haben, sonst wäre es kaum „wohnlich“. Über die Verpflegung in diesen Tagen schreibt er:

„In den letzten Tagen war keine ordentliche Verteilung durch die Div. mehr möglich. Gleich neben unserem Keller war eine Abwurfstelle. Wir haben dann nachts aufgepaßt und konnten dadurch in den letzten Tagen etwas besser leben als in den Zeiten vorher.“

Das ist natürlich sogar höchst komfortabel im Verhältnis zu dem Umstand, dass schon seit 2 Monaten sehr viele verhungert sind…

Der Heimkehrer berichtet weiter:

„Das größte Glück aber war für uns, unsere Abteilung verfügte noch bis in die letzten Tage als einzigste so schwere Waffe des Nordkessels über Munition, und wir entgingen somit dem infanteristischen Einsatz.“

Das kann man wirklich als „größtes Glück“ beschreiben. Jener Einsatz war sehr verlustreich und brutal. Die Batterie hat sich durch ihre Sparsamkeit mit Munition also noch so einiges andere erspart. Nicht unwahrscheinlich, dass mein Großvater zu jenen gehörte, die gegen „Verschwendung“ plädierten. Ein Fan von dem Geballer war er ja jedenfalls nicht.

Bemerkenswert ist auch, dass die Batterie den „Führerbefehl“, „bis zur letzten Patrone“ zu kämpfen, nicht befolgte.

Zur Gefangennahme schreibt der Heimkehrer:

„…als der Russe uns aufforderte, am 2. Feb. 1943 morgens 9:30 aus unserem Keller herauszukommen. Die gesamte Battr. marschierte in die Gefangenschaft.“

Wir wissen nun also den genauen Zeitpunkt und Ort der Gefangennahme, und dass sie zu dieser Zeit (vor 75 Jahren) geschlossen nach Dubowka marschieren…

Dazu später mehr…


 

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